»Wer sich in der bunten Glitzerwelt der Disney-Musicals verliert, denkt selten an die kulturellen und gesellschaftlichen Mechanismen, die hinter den Produktionen stehen. Doch Nepomuk Riva, Musikethnologe und Autor des im Oktober 2024 im Unrast Verlag erschienenen Buches ›Der König der Raubtiere – Orientalismus, Rassismus und kulturelle Aneignung in Disneys Musicalwelt‹, nimmt genau diese Mechanismen unter die Lupe. Seine Erkenntnis ist ernüchternd: Die weltweit erfolgreichen Disney-Musicals greifen problematische Erzählweisen auf, reproduzieren stereotype Bilder und bereichern sich an den Kulturen anderer.
Die Kritik an Rassismus und kultureller Aneignung im Musiktheater ist nicht neu. Schon in Broadway-Klassikern des 20. Jahrhunderts wurden rassistische Gesellschaftsordnungen dargestellt – sei es die Rassentrennung in ›Show Boat‹, die kolonialen Hierarchien in ›South Pacific‹, die westliche Überlegenheit in ›The King and I‹ oder die Geschichte der Native Americans in ›Oklahoma!‹.
Disney, als Big Player in der Musicalszene, hat diese Tradition auf seine Weise fortgesetzt. Besonders in den Inszenierungen von ›Tarzan‹, „Aladdin‹ und ›Der König der Löwen‹ zeigt sich laut Nepomuk Riva ein bedenklicher Umgang mit fremden Kulturen – oft unter dem Deckmantel märchenhafter Unterhaltung.
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Nepomuk Rivas Fazit ist unmissverständlich: Der Disney-Konzern hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wie ein Raubtier verhalten, das sich aus anderen Kulturen bedient, ohne Verantwortung zu übernehmen. Die Welt wird in Gut und Böse unterteilt, wobei die Guten meist Weiße oder westlich geprägte Figuren sind. Sein Appell: Die Gesellschaft muss kritisch hinterfragen, wie nicht-westliche Kulturen in Musicals dargestellt werden. Ein bloßes Umgestalten von Make-up oder Kostümen reicht nicht aus – es braucht eine echte, reflektierte Auseinandersetzung mit den Geschichten, die erzählt werden. Die große Revolution wird nicht über Nacht kommen, doch ein erster Schritt ist getan: Die Debatte hat begonnen. Nun liegt es an uns, sie weiterzuführen.« − Dominik Lapp, kulturfeder.de – Onlinemagazin für Musical, Oper und mehr, 16.03.2025