Verlagsgeschichte

UNRAST VERLAG Verlagsgeschichte

34 Jahre Unrast Verlag

An einem verregneten Frühlingstag im Jahre 1989 wurde die Idee geboren, dem rebellischen Milieu in der Bischofsmetropole Münster und darüber hinaus mit einem politisch radikalen Buchverlag zur Seite zu stehen. Eine Frau und zwei Männer fassten den Entschluss, künftig kollektiv zu arbeiten und den Verlag UNRAST zu nennen, weil dieser Name genau dem Gefühl der revolutionären Ungeduld entsprach, die uns damals antrieb. Schnell wurde ein Verein mit politisch-kultureller Stoßrichtung gegründet, der UNRAST e.V., der bis heute Träger des Verlags ist, da wir als politisches Kollektiv die Bildung von Privatkapital als Produktionsmittel ablehnen.

Noch im selben Jahr erschien der erste »Antifaschistische Taschenkalender« für das Jahr 1990, der mit 8.000 verkauften Exemplaren sofort ein Riesenerfolg wurde. Das erste richtige UNRAST-Buch erschien im Dezember 1989 und eröffnete zukunftsweisend sogleich eine erste Sachbuchreihe: die »Reihe Feministische Wissenschaft«.

Für eine der ersten öffentlichen Präsentationen des noch immer sehr überschaubaren Verlagsprogramms nutzten wir 1993 die 12. Mainzer Mini Pressen Messe (MMPM), Internationale Buchmesse der Kleinverlage, um den Wirkungskreis unserer Bücher und Autor*innen aus dem explizit linken Spektrum herauszuführen. Dort trafen wir auf Gleichgesinnte, was dazu führte, dass im folgenden Jahr 1994 die Assoziation Linker Verlage (ALiVe) gegründet wurde. Eine der ersten gemeinsamen Aktionen war der große gemeinsame Buchstand auf der MMPM 1995, wo wir auch mit einer Veranstaltung zum Thema »Vertriebszusammenarbeit von Kleinverlagen« öffentlich auftraten.

Mitte der 90er Jahre wurde deutlich, dass eine verlegerische Professionalisierung her musste, wenn das Projekt auch zum Lebensunterhalt des Kollektivs dauerhaft beitragen sollte. Ende 1996 waren drei Kollektivisten nach erfolgreichen Umschulungen schließlich IHK-geprüfte Verlagskaufleute. Die anfallende Arbeit wurde in Arbeitsbereiche mit Verantwortlichkeiten aufgeteilt, ein größeres Büro bezogen und neben den politischen Zielen wurden auch verstärkt kaufmännische gesetzt.

Wir traten ab 1994 gemeinsam mit den ALiVe-Verlagen jährlich im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse auf, schauten uns auf femdsprachigen Buchmärkten nach interessanten Büchern um und initiierten eine Reihe politischer Belletristik. Seit 1996 reisen Buchhandelsvertreter*innen mit unserem Programm durch den deutschsprachigen Buchhandel.

Ein weiterer nennenswerter Meilenstein in der Editionsgeschichte des UNRAST Verlags war die Initiierung der »reihe antifaschistischer texte« gemeinsam mit dem gleichnamigen Herausgeberkollektiv in Hamburg. Bis heute sind in dieser wichtigen Buchreihe mehr als 30 Titel erschienen.

Bis zur Jahrtausendwende hatten wir zwar programmatisch einen ungeheuren Spagat geschafft – von anarchistischen Klassikern und autonomen Szenediskussionen über Internationalismustitel bis zu Texten zur Geschlechterpädagogik und belletristischen Titeln – aber wirtschaftlich waren wir weit davon entfernt, unsere Arbeit angemessen entlohnen zu können. Das führte nach 10 Jahren sich immer weiter intensivierender Selbstausbeutung und anstrengenden Diskussionen zwischen Vision und Realität 2000/2001 zum Ausstieg zweier Gründungsmitglieder aus dem Kollektiv, die sich beruflich anders orientieren wollten. Fortan betrieb ein Duo, das sich weiterhin als Kollektiv verstand, immer erfolgreicher das alltägliche Geschäft des Verlags.

2010 kam es zum Bruch des Kollektivduos, was in einer verlegerischen Trennung endete und die Verlagslandschaft um die »Edition Assemblage« bereicherte, die 2011 von dem ausgeschiedenen UNRAST-Mitarbeiter gegründet wurde. Daraufhin mischte sich eines der 2001 ausgestiegenen Gründungsmitglieder wieder ein und ein Azubi blieb dem Kollektiv auch nach seiner bestandenen Prüfung als Medienkaufmann erhalten. Ab März 2011 führten sie den UNRAST Verlag gemeinsam mit dem verbliebenen Verleger. In dieser neuen Besetzung konnte sich der Verlag recht zügig von dem ›Trennungs-Schock‹ erholen.

Seitdem ist eine Vielzahl neuer Bücher durch die Druckmaschinen gerollt, darunter so wegweisende und hochgelobte Titel wie »Die AFD und die soziale Frage«, »Wie Rassismus aus Wörtern spricht«, »Kleine Geschichte des Feminismus «, »Mit Pfeil, Kreuz und Krone« oder »Der NSU-VS-Komplex«. Auch konnte das Verlagsprogramm in den kommenden Jahren durch namhafte internationale Autor*innen wie Audre Lorde, Noam Chomsky, Mumia Abu-Jamal, Silvia Federici, Angela Davis, bell hooks oder Keeanga-Yamahtta Taylor bereichert werden. Und die Aufnahme  von eBooks ins Verlagsangebot machte es möglich, interessierten Leser*innen eine Reihe von Titeln wieder zugänglich zu machen, die lange Zeit vergriffen waren.

Im Frühjahr 2016 verließ der ehemalige Azubi das Kollektiv, um sich anderen Aufgaben zu widmen, und das Verlagsteam setzte sich daraufhin neu zusammen: Es wurde vor allem weiblicher und im Schnitt auch jünger.

Als am 25. Mai 2020 der Afroamerikaner George Floyd durch die Polizei ermordet wurde und weltweit Menschen gegen rassistische Polizeigewalt auf die Straße gingen, nahm auch in Deutschland das Interesse an antirassistischen Sachbüchern zu. Unser Titel »exit Racism« von Tupoka Ogette kletterte in der SPIEGEL-Bestsellerliste bis auf Platz 3 und die Umsätze und die Arbeiten in Vertrieb, Marketing und Herstellung stiegen rasant an. Wir nutzten die Gelegenheit, unser Team mit zwei weiteren Collectivist@s zu bereichern und uns auch im Bereich Veranstaltungen, PR und Öffentlichkeitsarbeit weiter zu professionalisieren.

Dank dieser Verstärkung gelang es uns im Sommer 2022, erfolgreich ein Crowdfunding durchzuführen, als die Herstellungskosten aufgrund wachsender Preise für Papier, Transport und Energie anstiegen und die Nachfrage angesichts des Ukraine-Krieges und einer zunehmenden Inflation zurückging. Dies brachte uns nicht nur die nötigen finanziellen Mittel ein, sondern ermöglichte es uns zudem, unser Publikum zu erweitern und auch das mediale Interesse am Verlag zu stärken. Und auch der Relaunch unserer Homepage Ende 2022 ist unserer Verlagserweiterung zu verdanken. Im darauf folgenden Jahr wurde uns eine besondere Ehre zuteil und wir erhielten erstmals den Deutschen Verlagspreis.

Wir freuen uns auf die nächsten 34 Jahre!