{"id":29609,"date":"2022-11-28T14:05:41","date_gmt":"2022-11-28T13:05:41","guid":{"rendered":"http:\/\/neuershop.unrast-verlag.de\/2022\/11\/rezensionen-zu-krise-und-antisemitismus\/"},"modified":"2022-11-28T14:05:41","modified_gmt":"2022-11-28T13:05:41","slug":"rezensionen-zu-krise-und-antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unrast-verlag.de\/2022\/11\/rezensionen-zu-krise-und-antisemitismus\/","title":{"rendered":"Rezensionen zu \u201eKrise und Antisemitismus\u201c"},"content":{"rendered":"<p><a href='index.php?option=com_virtuemart&amp;view=productdetails&amp;virtuemart_product_id=48'> Gerhard Hanloser &#8211; <\/a><a href='gesamtprogramm\/allgemeines-programm\/antirassismus\/krise-und-antisemitismus-48-detail' target='_self' rel=\"noopener\">Krise und Antisemitismus <\/a><\/p>\n<p><strong> Regulation und Antisemitismus <\/strong> <\/p>\n<p>von Detlef Hartmann <\/p>\n<p>Es ist wohltuend, in Zeiten inflation\u00e4rer Nutzung des Begriffs \u201eAntisemitismus\u201c in der Linken zur gedanklichen Disziplin zur\u00fcckgerufen zu werden. Gerhard Hanloser hat k\u00fcrzlich ein Buch vorgelegt, das genau das tut.: \u201eKrise und Antisemitismus\u201c, erschienen 2003 im Unrast Verlag. Der Untertitel verspricht \u201eEine Geschichte in drei Stationen von der Gr\u00fcnderzeit \u00fcber die Weltwirtschaftskrise bis heute\u201c auf 135 Seiten. Das ist nicht viel Platz, aber hier liegt die St\u00e4rke des Buchs. Hanloser gelingt es, wesentliche Momente der politischen \u00d6konomie des Kapitals und ihrer Kritik mit Erscheinungen von Krise und Antisemitismus zu korrelieren, historisch und konzeptionell. Marx und die marxistische Theoriebildung bilden Ausgangspunkt und Referenzrahmen. Aber keine Angst! Das Buch ist auch hier gut lesbar. Hanloser erweist der Formelhaftigkeit marxistischer Dogmatik wenig Reverenz und \u00fcbersetzt ihre Inhalte in zuweilen sehr gelungene eigene, kritische Formulierungen. <br \/>In einem ersten Kapitel \u00fcber \u201eDas Geld und d(en) Antisemitismus\u201c zeichnet er nach einem kurzen Abriss der christlich-antisemitischen Antwort auf das \u201eGeldr\u00e4tsel\u201c den Weg nach, den Marx von seiner Fr\u00fchschrift \u201eZur Judenfrage\u201c zur umfassenden Kritik der politischen Okonomie zur\u00fcckgelegt hat. Geld ist nicht die satanische Macht, die die Gemeinschaft der produktiven Kr\u00e4fte auseinanderreisst und ihr Zusammenwirken krisenhaft verseucht, wie Proudhon es als spekulativer Urheber der Krise 1857 geisselt. Unter dem Fetischcharakter von Geld und Kredit legt Marx das grundlegende gesellschaftliche Verh\u00e4ltnis kapitalistischer Ausbeutung offen. Geldkritik und antisemitischer Exorzismus Proudhons werden in ihrer strategischen Blindheit f\u00fcr das soziale Verh\u00e4ltnis kapitalistischer Ausbeutung entlarvt: als fr\u00fche Manifestation der Unterscheidung zwischen \u201eraffendem\u201c und \u201eschaffendem\u201c Kapital. <br \/>Bis hierhin fasst Hanloser kurz und pr\u00e4zise zusammen, was uns schon aus vielen ideologiekritischen Arbeiten gel\u00e4ufig ist. Was sein Buch heraushebt, ist etwas anderes. Er verweist auf die Grenzen orthodoxer Krisen- und Zusammenbruchstheorien, die durch die historische F\u00e4higkeit des Kapitalismus zur Reorganisation seiner Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse immer wieder eines besseren belehrt wurden. Aus der sogenannten \u201eRegulationsschule\u201c bezieht er die aus der Geschichte des Fordismus gewonnene Erkenntnis, dass sich das Kapital aus der Krise in neue Regulationsweisen und -modelle zu retten und sanieren vermag. Und so erweitert er sein Forschungsprojekt auf die Rolle und Bedeutung des Antisemitismus f\u00fcr die historischen \u00dcberg\u00e4nge zu neuen Regulationsmodellen aus den ihnen vorausgehenden Verwertungskrisen: der Gr\u00fcnderkrise 1873, der Weltwirtschaftskrise von 1929 und der heutigen. <br \/>Nach einer pr\u00e4gnanten Schilderung des Gr\u00fcnderkrachs von 1873 und der antisemitischen Verarbeitung der Spakulationswut und der Projektion seiner allgemeinen Gier auf die Juden als S\u00fcndenbock wendet sich Hanloser seinem eigentlichen Thema zu: Antisemitismus als Bestandteil des Bismarckschen \u201eRegulationsmodells\u201c. Im Antisemitismus stabilisieren die V\u00f6lkischen erzieherisch das \u201eWir\u201c neu und leisten damit ihren Beitrag zur antiliberalistischen Konzentration der Regulationskompetenzen im Staat, zugleich als imperialistische Machtbasis nach aussen. Ausgerechnet an Stoecker, Vorzeige-Protagonist finsterster antisemitischer Reaktion, weist Hanloser den Dienst an der industriellen Modernisierung des Kaiserreichs gegen den handwerksorientierten Romantizismus nach. <br \/>In diesem Sinne analysiert Hanloser auch die Rolle des Antisemitismus im NS als \u201e..passende Antwort auf die Krise von 1929, die nur doppelz\u00fcngig ausfallen konnte, weil er ein die bestehende Ordnung aurechterhaltendes Regime etablieren wollte, das gegen die marxistische, aufhebende Kritik der kapitalistischen Gesellschaft gerichtet war, jedoch aufgrund der fundamentalen Krise der kapitalistischen Gesellschaft kein \u201eweiterso\u201c des Liberalismus predigen konnte. Deshalb war der NS rational und irrational, modernistisch und romantizistisch zugleich\u2026\u201c im Versuch zu einem \u201eradikal neuen Regulationsmodell\u201c (S.63). <br \/>Hanloser zeichnet die Muster nach, in denen die reaktion\u00e4re Geldkritik und Antisemitismus das alte Schema vom \u201eraffenden\u201c und \u201eschaffenden\u201c Kapital reproduzieren. Aber auch in dieser Epoche zeigt sich, dass die linke Erwartung der Todeskrise des Kapitalismus verfr\u00fcht ist. Der NS bek\u00e4mpft die \u201eZinsknechtschaft\u201c und die Banken halbherzig, bei aller verbaler Aggressivit\u00e4t reorganisiert er die Zirkulationssph\u00e4re nur und entwirft in der vorgezogenen Kriegs\u00f6konomie die deutsche Variante des Keynesianismus. \u201eDer Antisemitismus war die Klammer all dieser Reformversprechungen. Das Ineinssetzen von \u201ej\u00fcdischem Geist\u201c und liberalem Wirtschaftssystem bot den Ausgangspunkt f\u00fcr die unmittelbare \u00dcbersetzung der Kritik am Liberalismus in den Antisemitismus.\u201c Hanloser sieht in den polymorphen Strukturen und Ambivalenzen ein spezifisches barbarisches Regulationsmodell zur Realisierung einer Vielzahl von Modernisierungs- und Reformstrategien. Aus dieser Perspektive beleuchtet er die Unzul\u00e4nglichkeiten ideologiekritischer Analyse von der kritischen Theorie bis Postone. <br \/>In einem letzten Kapitel sucht Hanloser, die aus der Geschichte gewonnenen Erkenntnisse f\u00fcr die Bewertung der aktuellen politisch-\u00f6konomischen Entwicklungen fruchtbar zu machen. Die unter dem Etikett \u201eKasinokapitalismus\u201c beschriebenen und in den spekulativen Wellen der New Economy zutagegetretenen Ausw\u00fcchse und Euphorien scheinen ihm den Zeiten vor 1929 und 1873 zu \u00e4hneln. Auch die Vorboten der Heilsversprechen im Kampf gegen den raffenden Charakter des spekulativen Geldkapitals haben nicht auf auf sich warten lassen die Zur\u00fcckhaltung vom antisemitischen Bekenntnis vermag in Deutschland das Misstrauen nicht zu beseitigen. Sollte Zygmunt Bauman gegen den nach wie vor virulenten und unterschwelligen Antisemitismus wirklich damit recht haben, dass der Antisemitismus ein Ph\u00e4nomen war, das zur Moderne geh\u00f6rte und nun abgenutzt sei? Hanloser l\u00e4sst die Frage offen &#8211; auch in der Hoffnung auf \u00dcberwindung verk\u00fcrzter Geldkritik. \u201eNur durch eine wirkliche Kritik, die an die Wurzeln des Systems geht, kann der falsche Radikalismus des Antisemitismus verhindert werden.\u201c <br \/>Hanlosers Buch erhebt nicht den Anspruch auf fertige Wahrheiten und sichere Ergebnisse. Es ist vielmehr ein Diskussionsangebot. Es geht von marxistisch fundierter Ideologiekritik eines falschen Bewusstseins aus, das sich auf die Kritik an der Zirkulationssp\u00e4re verk\u00fcrzt. Dann aber \u00f6ffnet es die Perspektive in Dimensionen, die f\u00fcr die Kategorien der Bewusstseinskritik ausser Rechweite liegen: die Funktionalit\u00e4t des Antisemitismus als \u201eirrationalem\u201c Moment f\u00fcr die Neuregulation kapitalistischer Ausbeutung als Ausweg aus der Verwertungskrise. Dieses Thema liegt seit langem in der Luft und da wird es weitgehend in der Schwebe gehalten. Aus gutem Grund. Die Frage der Beteiligung von irrationalen, ja barbarischen Momenten an der gesellschaftlichen Dynamik des Fortschritts produktiver Rationalit\u00e4t r\u00fchrt an tragende Grundverst\u00e4ndnisse der politischen \u00d6konomie wie ihrer Kritik gleicherma\u00dfen. Immerhin. Haben nicht Bauman und andere die Konzentrationslager als Ausdruck moderner Rationalit\u00e4t begriffen? Hat nicht Foucault das Massent\u00f6ten als Begleiterscheinung biopolitischer Verf\u00fcgung und Wohlfahrt dargestellt? Haben nicht Gillingham u.a. den NS als Etappe im Formationsnprozess der Bonner Leistungsgesellschaft beschrieben? Und hat nicht Mancur Olson Regime wie den NS als Phase der \u00f6konomischen Mobilisierung \u00fcberholter sozialer Garantien gepriesen? <br \/>Hanlosers Buch ist an die Linke gerichtet und er st\u00f6sst die T\u00fcr zu diesen Fragen von der Basis marxistischer Kritik her auf. Dass er sie nicht endg\u00fcltig beantworten kann und will, liegt auf der Hand. Zuviele methodische und methodologische Pr\u00e4missen bed\u00fcrfen der Kl\u00e4rung. Die Regulationstheorie, die Hanloser &#8211; durchaus nicht unkritisch &#8211; zum Ausgangspunkt nimmt, operiert weitgehend auf dem Feld der \u201eGebrauchswertseite\u201c. Aber sie vermeidet die Fragen der revolution\u00e4ren Kritik des kapitalistischen Gebrauchswerts und es ist kein Wunder, dass sie Fragen der Gewalt, namentlich des Antisemitismus im Prozess ihrer Formierung ausblendet. Die Regulationstheorie analysiert statisch und strukturalistisch aus der Perspektive entwickelter Regulation. Aber Regulation f\u00e4llt nicht auf einen Schlag ins Lot, sie wird in einem Prozess teils blutiger Anpassung umgesetzt. Welches sind die irrationalen Energien der Umsetzung? Es wird deutlich, dass die Momente dieses historischen Prozesses der Erneuerung des kapitalistischen Kommandos weder in Struktur- noch Bewusstseinskategorien zu begreifen und vor allem nicht ohne Ber\u00fccksichtigung ihres antagonistischen Charakters. Dass das Buch an dieser Stelle zu w\u00fcnschen \u00fcbrig l\u00e4sst, ist evident &#8211; Hanloser sieht es selbst. Begreifen wir es also als gelungene und anregende Aufforderung zur Debatte, einer Debatte \u00fcber Fragen der revolution\u00e4ren Auseinandersetzung mit dem widerspr\u00fcchlichen rationalen und irrationalen Strategien einer neuen postmodernen Regulation. <\/p>\n<p>(einen gek\u00fcrzte Fassung dieser Rezension erschien in: iz3w 275, M\u00e4rz 2004) <\/p>\n<p><strong> Krise und Barbarei. Antisemitismus zwischen Gr\u00fcnderzeit und Kasinokapitalismus. Buchvorstellung <\/strong> <\/p>\n<p>Js., ak <\/p>\n<p>In vulg\u00e4rmarxistischen Erkl\u00e4rungsversuchen sind Ursache und wirkung, T\u00e4ter und \u201eVerf\u00fchrte\u201c kjlar definiert: Antisemitismus ist ein Instrument der Herrschenden zur Irref\u00fchrung potenziell revolution\u00e4rer Massen. Gegen solchen \u201eunzul\u00e4ssigen \u00d6konomismus\u201c Gerhard Hanloser in seinem neuen Buch eine Untersuchung des Zusammenhangs von \u00f6konomischen Krisen und massenhaft auftretendem Antisemitismus. <br \/>Dabei geht er vor allem ideologiekritisch vor, nennt aber auch sozialgeschichtliche Basisdaten, um die jahrhundertealte Identifizierung des Geldes mit der person beziehungsweise der T\u00e4tigkeit der Juden\u201c zu erkl\u00e4ren. Im christlichen Mittelalter mit dem \u201eWucherprivileg\u201c ausgestattet, blieb den Juden der Erwerb von Boden und Produktionsmitteln weitgehend verboten. Sie waren in die Zirkulationssph\u00e4re, handel und bandwirtschaft, \u201eeingesperrt\u201c (Adorno). <br \/>Noch der junge Marx beneutzt \u201eJudentum\u201c als Synonym f\u00fcr geld. Mit seiner Entdeckung des Mehrwerts l\u00fcftet er dann das \u201eGeldr\u00e4tsel\u201c; in Auseinandersetzung mit Proudhon widerlegt er den Scheingegensatz von schaffendem Industrie- und \u201eraffendem\u201c Finanzkapital. In der \u201eReligion des Alltagslebens\u201c aber bleibt das Geld die Wurzel allen \u00dcbels und Ursache wirtschaftlichen Zusammenbruchs. <br \/>Das zeigt beispielsweise die \u201eGr\u00fcnderkrise\u201c, die 1873 im Deutschen Reich die gro\u00dfe Depression einbleitete. Auf die \u00f6ffentlich angeheizte Spekulationswut, die auch die \u201ekleinen Leute\u201c erfasste, folgte der Zusammenbruch der B\u00f6rse. Nicht der Kapitalismus, sondern einzelne \u201eSpekulanten\u201c wurden f\u00fcr die eigenen Verluste verantwortlich gemacht, etwa der \u201eEisenbahnk\u00f6noig\u201c Bethel Henry Strousberg. Dessen j\u00fcdische Herkunft belegte aus Sicht der AntisemitInnen die gro\u00dfe Verschw\u00f6rung, f\u00fcr die sie alle J\u00fcdinnen und Juden kollektiv verantwortlich machten. <br \/>Der Gr\u00fcnderkrach gab der antisemitischen Agitation ungeheuren Auftrieb. Schon 1976 war \u201edie Identifikation von Juden mit Bankleuten, Spekulanten und Gr\u00fcndern ein Allgemeinplatz geworden\u201c (Jacob Katz). Nicht nur von den Antisemitenparteien, auch von der kaiserlichen regierung wurde die Gegen\u00fcberstellung \u201egute industrielle Arbeit versus parasit\u00e4res Finanzkapital\u201c\u201c \u00fcbernommen. Sie erwies sich, schreibt hanloser, als \u201estabilisierende Ordnungsideologie\u201c, die zugleich den Nazis den Boden bereitete \u2013 in deren Ideologie schlie\u00dflich der Fetisch des \u201eschaffenden Kapitals\u201c das Konstrukt der \u201eguten deutschen Arbeit\u201c mit ein. <br \/>Den Nationalsozialismus interpretiert Hanloser als \u201epassende Antwort auf die Krise von 1929\u201c. Entgegen ihrem Programm schafften die Nazis die \u201eZinsknechtschaft\u201c nicht ab. Sie verzichteten auch auf die Verstaatlichung der banken, die sie f\u00fcr die Finanzierung ihrer Raubkriege brauchten. In \u00dcbereinstimmung mit Charles Bettelheim sieht hanloser das Finanzkapital mit beginn des Zweiten weltkrieges deutlich gest\u00e4rlt; gleichzeitig widerspricht er Dimitroffs \u201ereduktionistischer\u201c Definition des Faschismus als \u201eDiktatur der reaktion\u00e4rsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals\u201c. <br \/>W\u00e4hrend Hanloser kritische Theorien des Antisemitismus, namentlich die von Max Horkeimer und Moishe Postone, arg kurz abhandelt, kommt er am Schluss ausf\u00fchrlich auf seine Anfangsfrage zur\u00fcck: \u201eDrohen erneut antisemitische &#8216;Verarbeitungsmechanismen&#8217; in einer potenziellen Krise?\u201c Zwar verzeichnet er f\u00fcr die kurze Bl\u00fctezeit der New Economy eine der Gr\u00fcnderzeit \u00e4hnliche \u201eGoldgr\u00e4berstimmung\u201c. Auch zitiert er sozialkonservative bis rechtsradikale Kritiken an der \u201eRaffgesellschaft\u201c des \u201eKasinokapitalismus\u201c, die antisemitische Stereotypen aufgreifen. Dagegen sieht er den Sozialtypus des \u201eegoistischen, Geld scheffelnden B\u00fcrgers\u201c als neues Idealbild, das mit gigantischem Aufwand propagiert wird. <br \/>Vor allem aber sei eine \u201euntergr\u00fcndige Traditionslinie, die zur antisemitischen Krisenverarbeitung gef\u00fchrt hat, am Verschwinden: \u201eNeo-Autarkismus, Staatsfixiertheit und Nationalismus haben keine reale Basis mehr \u2013 die der konformistisch rebellierende braucht.\u201c zustimmend zitiert der Autor Zygmunt baumann, der \u201edie Erfolgsaussichten antisemitischer Staatspolitik in weite Ferne ger\u00fcckt\u201c sieht, w\u00e4hrend ein \u201evolkst\u00fcmlicher do-it-yourself-Antisemitsimus\u201c erhalten bleibt. <br \/>Ob hanloser letzteres auch Teilen der globalisierungskritischen Bewegung vorwirft, wird nicht ganz deutlich. Dass er dieser Bewegung Argumente liefern will, steht schon in der Einleitung \u2013 ein Anspruch, den er auf beeindruckende Weise einl\u00f6st. Das Buch endet mit einer Abgrenzung von \u201ealarmistischer Antisemitsimusbesch\u00e4ftigung\u201c und einem Appell zu umfassender Kapitalismuskritik, die nicht auf die Zirkulationssph\u00e4re beschr\u00e4nkt bleibt. <\/p>\n<p>(aus: analyse und kritik 481, 20.Februar 2004) <\/p>\n<p><strong> buch &amp; deckel \u2013 konkret <\/strong> <\/p>\n<p>Christoph Teuber <\/p>\n<p>Krise ist, wenn&#8217;s kracht. Und Antisemitsimus ist, wenn niemand verstehen will, was da kracht und warum, wenn also kein Interesse an Marx und einer sozialrevolution\u00e4ren Perspektive vorhanden ist. So l\u00e4\u00dft sich Gerhard hanlosers Buch zusammenfassen. <br \/>Unverstanden bleibt in der Krise, Marx wie Hanloser zufolge, der zusammenbruch von geld und Ware bzw. Kapital und Kredit. \u201eEine reaktion\u00e4re Geldkritik setzt die Geldwirtschaft mit &#8216;dem Juden&#8217; gleich. Auf das geldr\u00e4tsel wird so antisemitisch geantwortet.\u201c Daher geht das Buch sowohl logisch als auch historisch dem \u201eUnverst\u00e4ndlichen des Geldes nach\u201c, wobei die historischen Stationen die Gr\u00fcnderzeit, die Weltwirtschaftskrise 1929ff., der Nationalsozialismus und der heutige Zustand sind. <br \/>Insbesondere das Kapitel \u00fcber die Gr\u00fcnderzeit bietet eine brauchbare Erl\u00e4uterung der dritten These der \u201eElemente des Antisemitismus\u201c in Adorno\/Horkheimers Dialektik der Aufkl\u00e4rung. \u201eDer b\u00fcrgerliche Antisemitismus hat einen spezifischen \u00f6konomischen Grund: die Verklkeidung der Herrschaft in Produktion &#8230; Die Verantwortlichkeit der Zirkulationssph\u00e4re f\u00fcr die Ausbeutung ist gesellschaftlich notwendiger Schein.\u201c <br \/>Deutlich wird aber auch, da\u00df die Bestimmung des Antisemitsimus aus dem zusammenhang der Krise nicht hinreicht. Hanloser scheint weder den Begriff des sekund\u00e4ren Antisemitismus zu kennen, noch behandelt er das Verh\u00e4ltnis von Antisemitismus und Antizionismus. Das Problem ist, da\u00df er gleichwohl die Frage beantworten m\u00f6chte, ob \u201eerneut antisemitische &#8216;Verarbeitungsmechanismen&#8217; in einer potenziellen Krise virulent werden k\u00f6nnen. Eine merkw\u00fcrdig defensive Frage zu einem Zeitpunkt, zu dem 65 Prozent der Deutschen Israel f\u00fcr die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung des weltfriedens halten. Hanlosers Antwort: Es sieht nicht so aus, aber wir sollten auf der Hut sein. <br \/>Weil nicht deutlich wird, warum die dritte These der \u201eElentende des Antisemitsimus\u201c sich in einem Text findet, der den Untertitel \u201eGrenzen der Aufkl\u00e4rung\u201c tr\u00e4gt, mi\u00dflingt auch ihre Explikation. Es finden sich bei Horkheimer\/Adorno eben auch Hinweise darauf, da\u00df rationale Argumentation gegen den Antisemitismus nichts vermag, weil \u201edie mit Herrschaft verkn\u00fcpfte Rationalit\u00e4t &#8230; selbst auf dem Grunde des Leidens\u201c liegt. Eine Auseinandersetzung mit dem &#8216;unzul\u00e4nglichen&#8217; Charakjter des Antisemitismus aber w\u00fcrde Hanlosers Darstellung nicht erg\u00e4nzen, sondern liefe ihrer politischen Absicht zuwider. Dieser Absicht liegt die hilflose Hoffnung zugrunde, die \u201eAnti-Globalisierungsbewegung\u201c, die sich \u201enoch lange nicht auf dem Niveau einer fundierten Kapitalismuskritik\u201c befinde, sei zu einem Erkenntnisfortschritt in der Lage, den Marx von seiner Schrift \u201eZur Judenfrage\u201c bis zum Kapital gemacht hat. <\/p>\n<p>(aus: konkret Heft 3, M\u00e4rz 2004) <\/p>\n<p><strong> &#8216;Auslese&#8217; <\/strong> <\/p>\n<p>von Simon Br\u00fcggemann <\/p>\n<p>Inwieweit wird in den immer wieder kehrenden Krisen des Kapitalismus der Antisemitismus ganz besonders wirksam? Wie dr\u00fcckt er sich in den Regulationsmodellen aus, die als Antwort auf die Krise entstehen? Gerhard Hanloser geht diesen Fragen in seinem Buch mit dem Untertitel \u201eEine Geschichte in drei Stationen von der Gr\u00fcnderzeit \u00fcber die Weltwirtschaftskrise bis heute\u201c nach und das, trotz der K\u00fcrze und straffen Gestaltung des Werkes, in einer erstaunlichen Tiefe und Vielschichtigkeit. Dabei st\u00fcrzt er sich aber nicht sofort auf die historischen Fallbeispiele, sondern widmet sich zuerst eingehend der marxistischen Krisentheorie und der Theorie des Antisemitismus. Hanloser revidiert dabei notwendigerweise den Krisenoptimismus Marx\u00b4 &#8211; der die \u201eOption Auschwitz\u201c als Krisenl\u00f6sung nicht voraussehen konnte und somit die Krise positiv, dass hei\u00dft mit der Option Revolution besetzte &#8211; und geht auf das Wesen des Geldes ein. Hier beweist der Autor dann auch das erste, aber nicht letzte mal, dass er komplizierte Zusammenh\u00e4nge klar und deutlich darstellen kann, ohne dabei simplifizieren zu m\u00fcssen. Solche F\u00e4higkeiten war man bisher nur von Michael Heinrich gew\u00f6hnt. Um dem Leser ohne gro\u00dfes Vorwissen an das \u201eGeldr\u00e4tsel\u201c heranf\u00fchren zu k\u00f6nnen, bedient sich Hanloser einer guten Vorgehensweise, indem er die Entwicklung von Marx selber nachzieht. Dieser kam auch erst von einer oberfl\u00e4chlichen Kritik am Kapitalismus, die sich allein auf das Geld an sich und die Zirkulationssph\u00e4re bezog, zu der umfassenden Kritik der politischen \u00d6konomie. <br \/>Ebenfalls sehr kompetent sind dann die Betrachtungen der Gr\u00fcnder- und der Weltwirtschaftskrise und wie in ihnen der Antisemitismus wirkt. W\u00e4hrend beim ersten Fall auch ein deutlicher Fokus auf die allgemeinen historischen Entwicklungen und die Stimmungslage innerhalb der Gesellschaft gelegt wird, konzentriert sich das Kapitel zur Weltwirtschaftskrise deutlicher auf wirtschaftspolitische Aspekte. Die Antwort des Nationalsozialismus auf die Krise von 1929, der Vernichtungsantisemitismus, so als reines Regulationsmodell zu betrachten ist bei der Fragestellung nicht nur berechtigt, sondern bringt auch interessante Aspekte zu Tage, die sonst nicht so klar hervorgehoben w\u00fcrden. Im letzten Kapitel versucht der Freiburger Sozialwissenschaftler dann der Frage nachzugehen, ob im heutigen \u201eKasinokapitalismus\u201c mit seiner Krisenanf\u00e4lligkeit ebenfalls wieder antisemitische L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten entstehen k\u00f6nnten. Dabei spricht er auch von einer erneuten Goldgr\u00e4berstimmung und zieht damit, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, Parallelen zur Gr\u00fcnderkrise von 1873, die er zuvor selber analysiert hat. Mit einem staatlichen Regulationsmodell a la Bismarck, das auf den antisemitischen Stimmungen in der Bev\u00f6lkerung fu\u00dft, ist aber kaum zu rechnen und der Antisemitismus hat sich heute so gewandelt, dass er sich eher am Staat Israel austobt. Dies bleibt vom Autor zwar nicht unber\u00fccksichtigt, f\u00fchrt aber nicht zu den notwendigen Schlussfolgerungen, sondern bleibt im rein spekulativen Bereich. Stellt dies auch die einzige Schwachstelle des Buches dar, so bieten sich aber auch hier noch zahlreiche interessante Denkanst\u00f6\u00dfe. \u201eKrise und Antisemitismus\u201c schlie\u00dft hervorragend die L\u00fccke in den bisherigen Untersuchungen zu der Thematik und gibt den historischen Hintergr\u00fcnden und psychologischen Aspekten gen\u00fcgend Raum, um eine aktualisierte marxistische Betrachtungsweise zu schaffen. <\/p>\n<p>(aus: OX Fanzine Punkrock-Hardcore-Rock&amp;Roll #55 11\/2004 (Juli-August) <\/p>\n<p><strong> zu den B\u00fcchern des Autors <\/strong> <\/p>\n<p><a href='gesamtprogramm\/allgemeines-programm\/antirassismus\/krise-und-antisemitismus-48-detail' target='_self' rel=\"noopener\"> Gerhard Hanloser &#8211; Krise und Antisemitismus <\/a> <\/p>\n<p>Gerhard Hanloser (Hg.) <br \/><a href='gesamtprogramm\/allgemeines-programm\/antifaschismus\/quotsie-warn-die-antideutschesten-der-deutschen-linkenquot-179-detail' target='_self' rel=\"noopener\"> \u201eSie warn die Antideutschesten &#8230; der deutschen Linken\u201c <\/a> <br \/>Zu Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerhard Hanloser &#8211; Krise und Antisemitismus Regulation und Antisemitismus von Detlef Hartmann Es ist wohltuend, in Zeiten inflation\u00e4rer Nutzung des Begriffs \u201eAntisemitismus\u201c in der Linken zur gedanklichen Disziplin zur\u00fcckgerufen zu werden. Gerhard Hanloser hat k\u00fcrzlich ein Buch vorgelegt, das genau das tut.: \u201eKrise und Antisemitismus\u201c, erschienen 2003 im Unrast Verlag. Der Untertitel verspricht \u201eEine Geschichte &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/unrast-verlag.de\/2022\/11\/rezensionen-zu-krise-und-antisemitismus\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &#8220;Rezensionen zu \u201eKrise und Antisemitismus\u201c&#8221;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_regular_price":[],"currency_symbol":[],"footnotes":""},"categories":[5189],"tags":[],"class_list":["post-29609","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-pressestimmen"],"post_slider_layout_featured_media_urls":{"thumbnail":"","post_slider_layout_landscape_large":"","post_slider_layout_portrait_large":"","post_slider_layout_square_large":"","post_slider_layout_landscape":"","post_slider_layout_portrait":"","post_slider_layout_square":"","full":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/unrast-verlag.de\/uv-api\/wp\/v2\/posts\/29609","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/unrast-verlag.de\/uv-api\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/unrast-verlag.de\/uv-api\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unrast-verlag.de\/uv-api\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unrast-verlag.de\/uv-api\/wp\/v2\/comments?post=29609"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/unrast-verlag.de\/uv-api\/wp\/v2\/posts\/29609\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/unrast-verlag.de\/uv-api\/wp\/v2\/media?parent=29609"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/unrast-verlag.de\/uv-api\/wp\/v2\/categories?post=29609"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/unrast-verlag.de\/uv-api\/wp\/v2\/tags?post=29609"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}