{"id":29605,"date":"2022-11-28T14:05:40","date_gmt":"2022-11-28T13:05:40","guid":{"rendered":"http:\/\/neuershop.unrast-verlag.de\/2022\/11\/rezension-dirk-kretschmer-diskus-2-02\/"},"modified":"2022-11-28T14:05:40","modified_gmt":"2022-11-28T13:05:40","slug":"rezension-dirk-kretschmer-diskus-2-02","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unrast-verlag.de\/2022\/11\/rezension-dirk-kretschmer-diskus-2-02\/","title":{"rendered":"Rezension: Dirk Kretschmer &#8211; diskus 2\/ 02"},"content":{"rendered":"<p><b> Wolf Wetzel: Krieg ist Frieden. \u00dcber Bagdad, Srebrenica, Genua, Kabul nach &#8230;, <\/b><br \/>\n<br \/>Rezension: Dirk Kretschmer &#8211; diskus 2\/ 02<br \/>\n<br \/>http:\/\/www.copyriot.com\/diskus\/<br \/>\n<br \/><b> Zweifeln f\u00fcr einen Post-Antiimperialismus <\/b><br \/>\n<br \/>Mit seinem Erstlingswerk \u00bbKrieg ist Frieden\u00ab kn\u00fcpft Wolf Wetzel politisch wie publizistisch an sein vormaliges Autorenkollektiv, die autonome L. U. P. U. S.-Gruppe, an. Zum einen greift er vakante Zeitfragen des deutschen Linksradikalismus auf und versucht gewissen \u203aFehlentwicklungen\u2039 mit einer alternativen politischen Analyse und Positionierung zu begegnen. Mit ihren Texten zum zweiten Golfkrieg, dem \u203aAsylkompromiss\u2039 und den Pogromen und Lichterketten etablierte sich Lupus als eine wichtige Stimme in der Nie wieder Deutschland-Linken der 90er. Zum anderen bedient sich Wetzel der ereignisorientierten Publikationsweise von Lupus, die in einer zeitnahen Analyse ihres Gegenstands bestand. Im Unterschied zu den Lupus-Textsammlungen kompiliert \u00bbKrieg ist Frieden\u00ab jedoch Texte aus \u00fcber zehn Jahren. Damit l\u00e4sst Wetzel die Chance verstreichen, die eigene Geschichte eingehend zu reflektieren, um politische Sackgassen erkennen und verlassen zu k\u00f6nnen. Was sich besonders in den aktuellen Texten zu den Entwicklungen seit dem Elften Neunten bemerkbar macht.<br \/>\n<br \/>Eine solche \u00bbZeitreise\u00ab (Verlags-Info) hat aber auch ihre Reize. Sie bietet der Nie wieder Deutschland-Linken die Gelegenheit, die ausstehende Relekt\u00fcre ihrer eigenen Geschichte (vgl. z. B. Kretschmer, Lupus in: diskus 1 \/ 99) in Angriff zu nehmen, um dabei nach den Leerstellen und Br\u00fcchen in den eigenen Konzeptionen zu fragen. Als symptomaler Ausgangspunkt kann das Auseinanderfallen der antifaschistischen Maxime Nie wieder Auschwitz, nie wieder Krieg, mit dem eine Spaltung auch der antinationalen Linken einhergeht, herangezogen werden. Hinzu kommt die Desartikulation des Antiimperialismus als sozialrevolution\u00e4re Ideologie mit dem Zusammenbrechen der Sowjetunion. Fasten your seatbelts, die Reise beginnt.<\/p>\n<p><b> Golf- und Kosovo-Krieg: Verloren im (anti-)nationalen Blick <\/b><br \/>\n<br \/>Der erste Zeitsprung f\u00fchrt uns zum 2. August 1990. Die so genannte Golfkrise tritt in ihre hei\u00dfe Phase. Auch in Frankfurt der Startschuss f\u00fcr eine kurze Renaissance der Friedensbewegung. Das Aktionsb\u00fcndnis gegen den Golfkrieg, getragen von Studentinnen- und Sch\u00fclervertretungen, fordert die Mitdemonstrierenden zum Protest wider die \u00bbgr\u00fcne Doppelmoral\u00b5 auf und tritt in Aktion. Neben solchen in die gro\u00dfe Politik eingebundenen Reality-Erz\u00e4hlungen wendet sich Wetzel vor allem der Ideologiekritik der \u00bbMaskenbildner des Krieges\u00ab, der linken Kriegsbef\u00fcrworter zu; speziell Hans-Magnus Enzensbergers \u00bbHitlers Widerg\u00e4nger\u00ab als Blaupause der deutschen Normalisierer von links. Operationsziel: Die antifaschistische Maxime Nachkriegsdeutschlands Nie wieder Auschwitz, nie wieder Krieg knacken, um \u00bbAuschwitz kriegstauglich zu machen\u00ab und damit Deutschland bald das milit\u00e4rische Mitmachen in der neuen imperialistischen Weltordnung zu erm\u00f6glichen.<br \/>\n<br \/>Wetzels historisch-kritischer Abrechnung mit Enzensberger kann sicherlich nur wenig hinzugef\u00fcgt werden. In den Erz\u00e4hlungen, Analysen und Statements zum Golfkrieg macht sich jedoch die Abwesenheit einer kritischen Selbstverortung in dieser innerlinken Auseinandersetzung und deren diskursiven Effekte als kaum zu \u00fcbersehender<br \/>\n<br \/>Mangel bemerkbar. So, als bewahre die ideologiekritische Versicherung mit den eignen antifaschistischen wie kritisch-antiimperialistischen Sicherheiten vor der politischen Einsicht, dass die erste Runde im Kampf um die \u00bbWeltinnenpolitik\u00ab des Neuen Deutschland an die anderen gegangen ist. Die deutsche Linke hatte sich im Golfkrieg de facto in eine diskursive Nie wieder Auschwitz-Partei einerseits und eine Nie wieder Krieg-Partei andererseits gespalten.<br \/>\n<br \/>Bedeutsam hierf\u00fcr war sicherlich der von Wetzel angef\u00fchrte Vorteil, den linke Bellizisten durch die asymmetrische Medienkriegsf\u00fchrung realisieren konnten: Die durch filmende Bomben zum Verschwinden gebrachten irakischen Kriegsopfer standen den sichtbaren israelischen Opfern der irakischen Scud-Raketen gegen\u00fcber. Damit ist zwar ein offensichtliches Problem angesprochen aber keineswegs gel\u00f6st. Die ideologische Selbstblockade versperrte eine Reflexion und Ver\u00e4nderung der Antikriegsposition, was sich acht Jahre sp\u00e4ter zum letzten Mal und mit aller Deutlichkeit r\u00e4chen sollte.<br \/>\n<br \/>Dass der Kosovo-Krieg zum letzten Gefecht zwischen Normalisierern und Kriegsgegnern inner- und au\u00dferhalb der Linken w\u00fcrde, war auch in Wetzels Posse klar. \u00bbEin historischer Augenblick, den wir angesichts der Abwesenheit einer relevanten Radikalopposition nutzen m\u00fcssen\u00ab hei\u00dft die trotzige Parole, mit der Lupus zum Sonderparteitag der Gr\u00fcnen am 13. Mai 1999 mobilisiert. Dennoch kommen in Wetzels Texten zum Kosovo-Krieg erstmals Zweifel auf. Zweifel, die zwar auf halben Weg wieder abgew\u00fcrgt werden, in einer Betrachtung ex post aber zu den richtigen Fragen f\u00fchren k\u00f6nnen. So erkl\u00e4rt Wetzel die L\u00e4hmung in der Linken u. a. damit, dass die B\u00fcrger- und Sezessionskriege in Jugoslawien jahrelang \u00bbim toten Winkel linker Internationalismus-Politik\u00ab gestanden habe. Dieser Ansatz einer Selbstkritik wird jedoch mit dem Hinweis kompensiert, dass die \u00bbinnerdeutschen Verh\u00e4ltnisse\u00ab seit der deutsch-deutschen Vereinigung das entscheidende Motiv lieferten, gegen den NATO-Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien zu sein. Zugespitzter kann man wohl die apolitischen Effekte eines ritualisierten Antinationalismus nicht vorf\u00fchren. Dass eine Kriegsgegnerschaft, die explizit von den Verh\u00e4ltnissen in Ex-Jugoslawien nicht viel wissen will, keine Alternative zum Nato-Krieg aufzeigen kann und daher zum Scheitern verurteilt ist, macht Wetzel hier eher unfreiwillig klar. Die Selbstbeschr\u00e4nkung auf Antifaschismus konnte keine wirkungsvolle Opposition gegen die neue NATO-Kriegsf\u00fchrung (Bosnien 1995, Kosovo \/ JU 1999) etablieren, weil es die eigne Sicht auf einen nationalstaatlichen Tunnelblick reduzierte.<br \/>\n<br \/>Dass der linke Internationalismus-Ansatz nach der Proklamation des \u203a4. Reichs\u2039 keine glaubw\u00fcrdige Interpretationsfolie der jugoslawischen Sezessionskriege abgeben konnte, verwundert nicht. Denn das Neue dieser Kriege besteht eben darin, dass sie nicht in den Mustern klassischer Kriege (Heer gegen Heer) oder dem der nationalen Befreiungskriege (Partisanen gegen Heer) der postkolonialen \u00c4ra beschrieben werden kann. Die Kriegshandlungen im ehemaligen Jugoslawien richteten sich haupts\u00e4chlich gegen die Zivilbev\u00f6lkerung der jeweils anderen, ethnifizierten Seite und schlossen so eine internationale Solidarisierung mit welcher Seite auch immer aus. Kurz, im Kosovo-Krieg gab&#8217;s f\u00fcr die Antikriegslinke nichts zu gewinnen au\u00dfer der nicht zu untersch\u00e4tzenden Einsicht, dass Deutschland als Hauptwiderspruch und Ersatz f\u00fcr ein politisches Projekt nicht funktioniert.<\/p>\n<p><b> Elfter Neunter: Der Antiimperialismus -auch der kritische &#8211; ist nicht mehr zu retten <\/b><br \/>\n<br \/>Der Zeitsprung zu den folgenreichen Terroranschl\u00e4gen vom Elften Neunten zeigt, dass auch Wetzel seine Lehren aus der Kosovo-Niederlage gezogen hat. Er tauscht den nationalen Tunnelblick gegen den eines kritischen Antiimperialismus ein.<br \/>\n<br \/>Wetzels Zweifel am Antiimperialismus deuten sich in einer defensiven Haltung gegen\u00fcber dem antideutschen Diskussionscluster an. Dieser habe die Kritiken am Pazifismus und linken Antiamerikanismus, wie die Kritik an \u00f6konomistischen und antisemitischen Antiimperialismen der eigenen Konzeption entwendet. \u00bbSie haben diese aufgegriffen und zueinander in Beziehung gesetzt und damit ihren Anteil, dass bestimmte linke Selbstverst\u00e4ndlichkeiten in Frage gestellt, neu gedacht und in eine andere Praxis umgesetzt werden m\u00fcssen.\u00ab Indem er die feindliche \u00dcbernahme linker Selbstverst\u00e4ndlichkeiten durch \u203adie Antideutschen\u2039 und nicht die antiimperialistischen Kategorien selbst als Grund f\u00fcr ihre Infragestellung ausmacht, kann Wetzel ihnen weiter treu bleiben. Das muss umso mehr erstaunen, als er selbst zeigt, dass die Antiimpmaschine \u00e4chzt und kracht.<br \/>\n<br \/>So arbeitet er recht \u00fcberzeugend anhand der \u00bbDavid\/Goliath-Schablone\u00ab im Israel \/ Pal\u00e4stina-Konflikt heraus, dass antideutsche Argumentationen nicht nur linksradikale Kritiken am Antiimperialismus beerbt haben, sondern sich ebenso in dessen Opferaxiomatik bewegen: Nachdem deutsche Linke bis 1967 kritiklos mit Israel solidarisch waren, schwenkten die Sympathien danach auf die \u203aOpfer der Opfer\u2039 um. Womit antideutsche Identifizierungen mit Israel \u00bbdie Opferlogik nur um einen Salto r\u00fcckw\u00e4rts verl\u00e4ngern\u00ab, statt sie zu durchbrechen. Wetzel trifft damit den neuralgischen Punkt des traditionellen Linksradikalismus: In der simplifizierenden Dualit\u00e4t von Herrschaft und Unterworfenheit ist Politik nur als Schlacht souver\u00e4ner Akteure denkbar. Den Bruch mit diesem Souver\u00e4nismus fordert Wetzel praktisch ein, indem er politisch auf den Kurs des linken Spektrums der organisierten Friedensbewegung einschwenkt. Dieser besteht in einer langfristig angelegten Unterst\u00fctzung jener subpolitischen Gruppen auf beiden Seiten, die sich der milit\u00e4rischen wie nationalistisch-religi\u00f6sen Logik widersetzten.<br \/>\n<br \/>Die Konsequenzen dieser Kritik am Antiimperialismus nehmen bei Wetzel aber eine andere Wendung: \u00bbMit der Unm\u00f6glichkeit, sich mit den \u203aOpfern imperialistischer Aggression\u2039 zu identifizieren\u00ab, mit dem Verschwinden sozialrevolution\u00e4rer Befreiungsbewegungen sei auch der Antiimperialismus selbst verschwunden. F\u00fcr Wetzel kein Grund, (Anti-)Imperialismus als zentrales Erkl\u00e4rungsmuster der Welt zu \u00fcberwinden. An die Stelle der Opferidentifikation m\u00fcsse der eigene Widerstand gegen die hiesigen Verh\u00e4ltnisse gesetzt werden. Mit diesem klassischen autonomen Argument gegen die Antiimps der 80er wird mit anderen Worten die David-Perspektive mit der eigenen Subjektivit\u00e4t aufrecht gehalten. Was Wetzel praktisch f\u00fcr den Nahostkonflikt formuliert, theoretisch jedoch nicht weiterdenkt, ist der Bruch mit dem souver\u00e4nistischen Dualismus aus Staat und der Externalit\u00e4t des Widerstands gegen ihn (vgl. no spoon in: diskus Nr. 1 \/ 02).<br \/>\n<br \/><b> Dirk Kretschmer <\/b><br \/>\n<br \/>*.*Autonome L. U. P. U. S.-Gruppe: \u00bbNie wieder Krieg!\u00ab (1948) &#8211; \u00bbNie wieder Srebrenica?\u00ab (1995). In: diskus Nr. 1 \/ 99.<br \/>\n<br \/>Dirk Kretschmer: Die Last der Krieger. \u00dcber den rot-gr\u00fcnen Kriegshumanismus und die (Un-)M\u00f6glichkeiten eines bewegten Antimilitarismus. In: diskus Nr.1 \/ 99.<br \/>\n<br \/>no spoon: agent_smith service pack. Politik an der Grenze zum Empire II. In: diskus Nr. 1 \/ 02.<br \/>\n<br \/>Wolf Wetzel: Krieg ist Frieden. \u00dcber Bagdad, Srebrenica, Genua, Kabul nach &#8230;, Unrast Verlag, M\u00fcnster 2002. 228 Seiten, 14 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolf Wetzel: Krieg ist Frieden. \u00dcber Bagdad, Srebrenica, Genua, Kabul nach &#8230;, Rezension: Dirk Kretschmer &#8211; diskus 2\/ 02 http:\/\/www.copyriot.com\/diskus\/ Zweifeln f\u00fcr einen Post-Antiimperialismus Mit seinem Erstlingswerk \u00bbKrieg ist Frieden\u00ab kn\u00fcpft Wolf Wetzel politisch wie publizistisch an sein vormaliges Autorenkollektiv, die autonome L. U. P. U. S.-Gruppe, an. 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