{"id":29604,"date":"2022-11-28T14:05:39","date_gmt":"2022-11-28T13:05:39","guid":{"rendered":"http:\/\/neuershop.unrast-verlag.de\/2022\/11\/rezension-zu-kein-licht-auf-dem-galgen\/"},"modified":"2022-11-28T14:05:39","modified_gmt":"2022-11-28T13:05:39","slug":"rezension-zu-kein-licht-auf-dem-galgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unrast-verlag.de\/2022\/11\/rezension-zu-kein-licht-auf-dem-galgen\/","title":{"rendered":"Rezension zu \u203aKein Licht auf dem Galgen\u2039"},"content":{"rendered":"<p>Olaf Kistenmacher schreibt: <\/p>\n<p>&#8216;Bereits in ihrer ersten Untersuchung &#8216;Wenn die Partei das Volk entdeckt. Anna Seghers, Bodo Uhse, Ludwig Renn u. a. Ein kritischer Beitrag zur Volksfrontideologie und ihrer Literatur&#8217; (2002) hatte Birgit Schmidt begonnen, den Sexismus, Rassismus und Antisemitismus in den Romanen kommunistischer Schriftstellerinnen und Schritsteller kritisch aufzuarbeiten. Allerdings war die Kritik des Antisemitismus in &#8216;Wenn die Partei das Volk entdeckt&#8217; zu kurz gekommen, und deswegen ist Kein Licht auf dem Galgen nun die notwendige Erg\u00e4nzung. <br \/>Aufarbeiten ist deswegen der richtige Begriff f\u00fcr Schmidts Ansatz, denn noch mehr als bei politischen Erkl\u00e4rungen der KPD in der Weimarer Republik oder damaligen politischen &#8216;Argumentationen&#8217; sind die Romane nicht einfach nur Teil der vergangenen Geschichte, sondern immer noch Gegenwart, denn sie sind Teil eines heutigen antifaschistischen Erbes. Die Romane, die Schmidt analysiert, wie z. B. Willi Bredels Die Pr\u00fcfung, stehen heute in vielen B\u00fccherregalen; man kennt sie; man lernt aus ihnen. Diese Romane hat Schmidt auf ihre Darstellungen von J\u00fcdinnen und Juden durchgesehen, und so versucht sie zu erkl\u00e4ren, weshalb sich zum einen Kommunistinnen und Kommunisten \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 erst sehr sp\u00e4t mit den von den Nationalsozialisten existenziell bedrohten J\u00fcdinnen und Juden solidarisierten und zum anderen es nach 1945 in vielen sozialistischen Staaten zu \u201eantizionistischen\u201c Verfolgungswellen kam, denen Tausende von Menschen zum Opfer fielen. <\/p>\n<p>J\u00fcdinnen und Juden und Menschen, die sich f\u00fcr die \u00dcberlebenden der Shoah eingesetzt hatten, wurden als \u201eZionisten\u201c und damit als \u201eImperialisten\u201c und als \u201eFeinde des Sozialismus\u201c bezeichnet. <br \/>In den Schauprozessen tauchten die Bilder von den \u201ewurzellosen\u201c, \u201evaterlandslosen\u201c, \u201efeigen\u201c, \u201ekleinb\u00fcrgerlichen\u201c, \u201ekapitalistischen\u201c und im Wesen \u201eantikommunistischen\u201c Juden wieder auf. Selbst die jahrelange Mitgliedschaft in kommunistischen Parteien und die Verfolgung durch die Nazis sch\u00fctzte J\u00fcdinnen und Juden nicht davor, als angeblich antikommunistische, \u201ezionistische\u201c Feinde erneut verhaftet, misshandelt und ermordet zu werden. <br \/>Die wirren Anschuldigungen gegen sie gibt Lenka Reinerova in ihrer erst 2003 ver\u00f6ffentlichten Autobiografie so wieder: <\/p>\n<p>\u201e\u2019Jeder zweite in den Internationalen Brigaden im spanischen B\u00fcrgerkrieg war ein Abenteurer oder Agent. Sogar: Juden arbeiten nicht gern. Und schlie\u00dflich der H\u00f6hepunkt: Gestehen Sie, dass Sie Spionin sind. [&#8230;] Der Westen hat Spione, die Zionisten haben Spione, die Titoisten &#8230; Gestehen Sie endlich, nur so n\u00fctzen Sie der Partei &#8230;\u2019\u201c (S. 43) <\/p>\n<p>Auch die Betroffenen selbst unterwarfen sich der antisemitischen Stimmung in der Sowjetunion, der CSR und der DDR und bezichtigten andere j\u00fcdische Kommunistinnen und Kommunisten des Verrats am Aufbau des nationalen Sozialismus. <\/p>\n<p>Dieses Verhalten und die Panik von Menschen, die wie Anna Seghers, Lazlo Schmidt und Alexander Abusch selbst j\u00fcdischer Herkunft waren, sprechen f\u00fcr sich. Das Ausma\u00df der antisemitischen Stimmung in der fr\u00fchen DDR l\u00e4sst sich vor allem an der Angst von den Betroffenen ermessen, die sich dann auch voneinander distanzierten und einander gar denunzierten. (S. 53) <\/p>\n<p>Als in der DDR Paul Merker als angeblicher \u201ezionistischer Agent\u201c angeklagt wurde, sagten Anna Seghers und ihr Ehemann Laszlo Schmidt gegen Merker aus. Anna Seghers bezeichnete Merkers Verhalten als \u201eunkommunistisch, kleinb\u00fcrgerlich u in der Wirkung zersetzend u darum parteisch\u00e4dlich\u201c. Und ihr Ehemann Lazlo Schmidt erkl\u00e4rte am 4. Mai 1954 der Staatssicherheit gegen\u00fcber: <\/p>\n<p>\u201eDer Grundzug der Politik Merkers in Mexiko war, dass er ein blindes Vertrauen zu den imperialistischen Staaten USA, England und Frankreich hatte [&#8230;]. [&#8230;] Besonders bemerkenswert ist, dass Merker besonders enge Beziehungen zu j\u00fcdischen Industriellen und Gro\u00dfkaufleuten unterhielt. [&#8230;] Merker betrachtete diese reichen Juden nicht als Kapitalisten, als Klassengegner, sondern nur als Opfer des Faschismus und benutzte sie als Geldquelle. Merker errichtete innerhalb der Gruppe der KPD faktisch ein terroristisches Willk\u00fcrsystem.\u201c (S. 53) <\/p>\n<p>Wie wurden denn J\u00fcdinnen oder Juden in den Romanen kommunistischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller dargestellt? Birgit Schmidt richtet ihre Aufmerksamkeit besonders auf die Darstellung ihrer K\u00f6rper. Welches Bild vom Juden wird zum Beispiel in dem ber\u00fchmten Roman Die Pr\u00fcfung von Willi Bredel gezeichnet, einem der ersten Romane, in denen aus kommunistischer Sicht die Situation in den Nazi-Konzentrationslagern geschildert wurde? <\/p>\n<p>\u201eDie sechs h\u00fcpfen in Kniebeuge an ihren Kameraden vor\u00fcber, die Zeugen ihrer Qualen sind und ihnen nicht helfen k\u00f6nnen. Es ist Miesicke, als sei jedes Leben in ihm erstorben, er h\u00fcpft und h\u00fcpft und h\u00fcpft. Ganz pl\u00f6tzlich bekommt er starken Druck auf den Darm. Er kann es nicht halten. Gleichzeitig muss er sich \u00fcbergeben. Er bricht zusammen. Meisel l\u00e4sst ihn von zwei Gefangenen abseits schleppen. Die \u00fcbrigen f\u00fcnf m\u00fcssen weiterh\u00fcpfen. Erst nachdem noch zwei zusammengebrochen sind, l\u00e4sst [der SS-Mann] Meisel die letzten drei ins Glied treten. \u201aWas ist denn mit dem Juden los?\u2019 \u201aDer hat sich \u00fcbergeben und vollgemacht!\u2019 \u201aDieser Mistbolzen, schei\u00dft in die Hosen! Darum stinkt es auch so! Lasst ihn in seinem Dreck liegen; der wird schon wieder zu sich kommen!\u2019\u201c (S. 24-25) <\/p>\n<p>Der so dargestellte KZ-H\u00e4ftling Miesicke ist, anders als die anderen, kein Kommunist oder Sozialdemokrat, sondern er ist ein j\u00fcdischer H\u00e4ftling, der eher durch Zufall zu den politischen KZ-H\u00e4ftlingen gekommen ist. Und die Figur Miesicke ist in diesem Roman die einzige erfundene Figur; f\u00fcr alle anderen Figuren gibt es reale Personen als Vorlagen. Der j\u00fcdische KZ-H\u00e4ftling wird in der eben zitierten Szene genauso gequ\u00e4lt wie die anderen, aber er h\u00e4lt den Qualen weniger stand. Sein K\u00f6rper zerbricht: Miesicke sackt nicht nur zusammen, sondern muss sich \u00fcbergeben und kann seinen Darm nicht kontrollieren. <br \/>Die kommunistischen H\u00e4ftlinge werden demgegen\u00fcber als tapfer, stolz und k\u00f6rperlich unversehrt dargestellt \u2013 auch nach der Folter. \u00dcber einen kommunistischen H\u00e4ftling hei\u00dft es in Bredels Die Pr\u00fcfung: <\/p>\n<p>\u201eInteressiert mustern die SS-Leute den Gefangenen. Sie scheinen \u00fcberrascht zu sein. Er tritt mit stolzer Haltung aus dem dunklen Kasten und sieht den SS-Leuten fest und gerade ins Gesicht.\u201c (S. 24) <\/p>\n<p>Neben der Figur Miesicke gibt es in Bredels Die Pr\u00fcfung noch zwei andere j\u00fcdische Figuren: Der eine ist Kommunist und wird als so unerschrocken und tapfer dargestellt wie die anderen Kommunisten. Der andere ist Sozialdemokrat mit Namen Koltwitz, und es ist offensichtlich, dass es sich um die Geschichte des j\u00fcdischen Sozialdemokraten Fritz Solmitz handelt, der im KZ Fuhlsb\u00fcttel von der SS zu Tode gepr\u00fcgelt wurde. <br \/>Mit der Figur Miesicke best\u00e4tigt Bredel die antisemitischen Vorstellungen \u00fcber die &#8216;feigen Juden&#8217;. <br \/>Doch nicht nur das: \u201eDer Jude\u201c Miesicke soll auch ein geldgieriger Kleinb\u00fcrger sein. Nach seiner Verhaftung macht er sich weniger Sorgen um seine Frau als um sein Geld und seine Gesch\u00e4fte: <\/p>\n<p>\u201eDie Gesch\u00e4fte des letzten Vierteljahrs hatte er sich immer wieder in Erinnerung gerufen. Er fand, sie waren makellos. Schulden hatte er nur bei Brinkmann, und die wollte er ja demn\u00e4chst begleichen. [&#8230;] An Bella denkt er, seine Frau, f\u00fchlt f\u00f6rmlich, wie sie sich um ihn \u00e4ngstigt. Das ist schlimm. Aber schlimmer ist noch etwas anderes: die achtzehn Kartons Krawatten m\u00fcssen geliefert werden. Das Gesch\u00e4ft droht ins Wasser zu fallen.\u201c (S. 23) <\/p>\n<p>Auch in einem anderen Roman eines Exil-Kommunisten, Gr\u00fcne Oliven und Nackte Berge, zeigt die Figur des j\u00fcdischen Kommunisten Samuel die angebliche \u201ej\u00fcdische\u201c Feigheit. Obwohl in dem Roman die Tapferkeit Samuels betont wird, kann auch hier der Jude seinen Schlie\u00dfmuskel nicht kontrollieren. <\/p>\n<p>Dennoch, darum bem\u00fcht, ein \u201epositives Judenbild\u201c zu entwerfen, weist er immer wieder darauf hin, da\u00df Samuel tapfer gek\u00e4mpft habe. Mit einer Einschr\u00e4nkung: Samuel mu\u00df seine Angst immer erst \u00fcberwinden, und in brutalen Schlachten kann er seinen Schlie\u00dfmuskel nicht kontrollieren. Daf\u00fcr wird er durch die Art seines Todes bestraft: Tausende von Granatsplittern dringen in seinen K\u00f6rper ein und bereiten ihm einen qualvollen Tod. [&#8230;] Der j\u00fcdische K\u00f6rper l\u00f6st sich erst in F\u00e4kalien auf, dann wird sein K\u00f6rper von unz\u00e4ligen Granatsplittern durchbohrt, [&#8230;]. (Schmidt: Wenn die Partei, S. 134) <\/p>\n<p>Das Schicksal, dass in der kommunistischen Literatur die K\u00f6rper von \u201eJuden\u201c sich aufl\u00f6sen, teilen sie mit denen der Frauen. In Wenn die Partei das Volk entdeckt hat Schmidt bereits auf diese Gemeinsamkeit hingewiesen: <\/p>\n<p>Im vorangegangenen Kapitel habe ich erw\u00e4hnt, da\u00df auch Frauenk\u00f6rper in der kommunistischen Spanienliteratur oft von Bomben zefetzt werden. Nur der soldatische Mann verl\u00e4\u00dft das Schlachtfeld und den Krieg mit intakten K\u00f6rpergrenzen. (Schmidt: Wenn die Partei, S. 134-135) <\/p>\n<p>Frauen sollen aus biologischen Gr\u00fcnden schwach sein. Aber warum m\u00e4nnliche Juden? Warum sind sie nicht wie andere M\u00e4nner? Der fehlende sch\u00fctzende K\u00f6rperpanzer h\u00e4ngt nach diesen Vorstellungen zusammen mit der \u201eVaterlandslosigkeit\u201c der \u201eJuden\u201c. Wer ein Vaterland hat, ist gesund und stark, wer keines hat, schwach, feige und unkontrolliert. <br \/>Man erkennt hier etwas wieder, was Klaus Theweleit in den 1970er-Jahren als ein Merkmal faschistischer Menschen- und K\u00f6rperbilder analysiert hat. Im v\u00f6lkischen Weltbild war nicht nur der individuelle K\u00f6rper ein K\u00f6rper, sondern auch jede Truppe, jede Partei und auch das Volk bildeten eine Art \u201eK\u00f6rper\u201c. Dieser K\u00f6rper sollte eine geschlossene Einheit bilden, in die nichts \u201eFremdes\u201c eindringen darf, die wehrhaft ist, ein \u201eK\u00f6rperpanzer\u201c. Solche K\u00f6rpervorstellungen fanden sich, so der Befund von Wenn die Partei das Volk entdeckt und Kein Licht am Galgen, auch in der kommunistischen Bewegung. Die Feinde der kommunistischen Bewegung erkennt man in den Romanen von Kommunistinnen und Kommunisten deswegen auch an ihren nicht-geschlossenen K\u00f6rpern, an ihrer fehlenden Selbstbeherrschung, daran, dass sie sich \u2013 im Gegensatz zu tapferen KP-Mitgliedern \u2013 vor Angst in die Hose machen. <\/p>\n<p>Aber warum zeigten so wenige Kommunistinnen und Kommunisten, selbst im Exil, keine oder nur eine sehr eingeschr\u00e4nkte Solidari\u00e4t mit den j\u00fcdischen KZ-H\u00e4ftlingen? Warum sind die j\u00fcdischen Figuren in der kommunistischen Literatur oft so negativ gezeichnet? <br \/>Schmidt f\u00fchrt das auf den Volksfrontkurs der Kommunistischen Internationale zur\u00fcck. Die Volksfrontpolitik nahm die KomIntern nach 1935 ein. Diese Politik ist charakterisiert durch den Versuch, die \u201enationalisierten\u201c Massen \u201ezur\u00fcck\u201c zu gewinnen: <\/p>\n<p>Man setzte auf die ideologische R\u00fcckgewinnung der nationalisierten Massen, man setzte auf den deutschen Proletarier, auch wenn der sich mittlerweile in SA- bzw. SS-Uniform befand, und man kam ihm und seinen Denkstrukturen dabei so weit wie m\u00f6glich entgegen. [&#8230;] <br \/>Es kann sich jede\/r leicht mittels der Lekt\u00fcre eines kommunistischen Romans wie beispielsweise Die Moorsoldaten von Wolfgang Langhoff selbst ein Bild machen: Nicht allein dieser Konzentrationslagerroman distanziert sich von den gequ\u00e4lten Juden und Sozialdemokraten und wirbt um die Angeh\u00f6rigen der SS-Wachmannschaft. Er wirbt deshalb um die Mitglieder der SS-Wachmannschaft, weil die KPD diese Proletarier in Uniform nicht aufgeben wollte und sich weiterhin agitatorisch um sie bem\u00fchte, denn f\u00fcr die KPD stellten ja auch die SA- und SS-M\u00e4nner weiterhin die potentielle Massenbasis dar. Und diese Entscheidung bedeutete letztlich eine Entscheidung f\u00fcr die Verfolger und nicht f\u00fcr die Verfolgten [&#8230;]. (S. 8-9) <\/p>\n<p>Aber wie erkl\u00e4rt man dann die antisemitischen \u00c4u\u00dferungen vor 1935? Bereits 1923 war die KPD auf v\u00f6lkische und nationalsozialistische Gruppierungen zugegangen und hatte u. a. dem v\u00f6lkischen Antisemiten Ernst Graf von Reventlow ihre Tageszeitung, die Rote Fahne, als Forum f\u00fcr eine Diskussion zwischen ihm und f\u00fchrenden Kommunistinnen und Kommunisten angeboten. Im gleichen Jahr hatte die Vorsitzende der Zentrale Ruth Fischer vor v\u00f6lkischen Studierenden ausgerufen: <\/p>\n<p>\u201eSie rufen auf gegen das Judenkapital, meine Herren? Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenk\u00e4mpfer, auch wenn er es nicht wei\u00df. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die B\u00f6rsenjobber niederk\u00e4mpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, h\u00e4ngt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber meine Herren, wie stehen Sie zu den Gro\u00dfkapitalisten, den Stinnes, Kl\u00f6ckner&#8230;?\u201c <\/p>\n<p>Was sich 1923 und sp\u00e4ter immer wieder in der kommunistischen Bewegung immer wieder offenbarte und was ab 1935 mit der Volksfrontpolitik etabliert wurde, war eben nicht eine ganz neue Form von Antikapitalismus, sondern es geh\u00f6rte im 19. und 20. Jahrhundert zu den Selbstverst\u00e4ndlichekeiten der Arbeiterbewegung, dass man eigentlich die Massen, das Volk, die einfachen Leute hinter sich habe und dass die politischen Interessen des Volkes gut seien \u2013 und dass deswegen die KPD die einzige Partei sei, die wirklich nationale, also Politik im Interesse des Volkes mache. Anders als es im Titel ihrer ersten Ver\u00f6ffentlichung Wenn die Partei das Volk entdeckt hei\u00dft, haben die Kommunistinnen und Kommunisten nicht erst 1935 \u201edas Volk\u201c \u201eentdeckt\u201c. Zu dem, was die KPD mit dem Volk verband, geh\u00f6rten ebenso die Vorstellungen von \u201eJuden\u201c als vaterlandslos, schwach, verr\u00e4terrisch, entwurzelt usw. <br \/>Romane zu analysieren, bietet aber auch die M\u00f6glichkeit, der Kritik nachzusp\u00fcren, die sich nicht offen und direkt \u00e4u\u00dfern darf, sondern \u00fcber Bilder, Geschichten, also eben literarisch \u00e4u\u00dfern muss. Nach Schmidts Analyse finden sich solche Formen der Kritik in den Karibik-Erz\u00e4hlungen Anna Seghers. Seghers lebte also in einem Widerspruch; einerseits war sie die Stalinistin, die die Erstausgabe von &#8216;Die Linie&#8217; Stalin widmete und gegen angebliche \u201eParteisch\u00e4dlinge\u201c aussagte. Andererseits: <\/p>\n<p>Aber in der 1947 und 1948 geschriebenen Erz\u00e4hlung Die Hochzeit von Haiti, die 1949 erschien, und der sie im Jahr 1961 \u2013 mit entsprechendem Abstand zu den fr\u00fchen f\u00fcnfziger Jahren \u2013 die Erz\u00e4hlung Das Licht auf dem Galgen folgen lie\u00df, formuliert sie mittels ihrer j\u00fcdischen Protagonisten (Michael Nathan in Die Hochzeit von Haiti und Sasportas in Das Licht auf dem Galgen) einen Vorwurf an die deutschen Kommunisten, den es lohnt, sich genauer anzuschauen. (S. 88) <\/p>\n<p>Im Anschluss an die Erz\u00e4hlungen, die in der Karibik in der Zeit der Franz\u00f6sischen Revolution spielen, kam Seghers 1961 in Das Licht auf dem Galgen wieder darauf zur\u00fcck. Das Licht auf dem Galgen handelt von Debuisson und Sasportas, die von der Franz\u00f6sischen Revolution nach Jamaika geschickt werden, um einen Aufstand der Sklaven helfen sollen zu organisieren. Entgegen der \u00fcblichen antisemitischen Stereotypisierung ist es in dieser Erz\u00e4hlung nicht der Jude, der den Aufstand verr\u00e4t, sondern Debuisson. Er verr\u00e4t Sasportas. Und Sasportas wird hingerichtet. Ein M\u00e4rtyrer. <\/p>\n<p>[&#8230;] Debuisson verr\u00e4t nicht nur die Revolution, sondern auch den Juden Sasportas, der als Held und M\u00e4rtyrer aus der Geschichte hervorgeht, denn er wird gehenkt, ohne seinen Glauben zu verraten. In der Erz\u00e4hlung hei\u00dft es: \u201eBevor der Henker Hand an Sasportas legte, trat eine Gerichtsperson vor, und sie forderte den Verurteilten auf, die Namen seiner Komplicen zu nennen, er k\u00f6nne damit immer noch sein Leben retten. Sasportas erwiderte: \u201aIch sehe hier viele meiner Komplicen, sie stehen hier, sie stehen dort.\u2019 Als man ihm die Schlinge um den Hals legte, rief er: \u201aIhr Neger, macht es wie die in Haiti!\u2019 Nach einer Minute schnitt der Henker den Strick durch. Der Leichnam fiel ins Meer wie ein Stein. Man h\u00f6rte kein Aufklatschen in der Brandung.\u201c (S. 89-90) <\/p>\n<p>In seinen letzten Worten dr\u00fcckt sich noch die Hoffnung auf die Befreiung der Sklaven aus. Diese Hoffnung ist das \u201eLicht auf dem Galgen\u201c <\/p>\n<p>F\u00fcr Anna Seghers bleibt jedoch ein \u201eLicht auf dem Galgen\u201c des Sasportas. F\u00fcr alle sichtbar leuchtet dort die Hoffnung auf Befreiung und auf Ver\u00e4nderung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse. Der Jude Sasportas jedoch ist verraten worden von einem, dem er sich zur Seite gestellt hatte. Und ich bin der Meinung, dass Anna Seghers, als sie diese Erz\u00e4hlung konzipierte, an einen anderen Verrat gedacht hat. N\u00e4mlich an den Verrat, den der deutsche Kommunismus ganz ohne Zweifel an seinen j\u00fcdischen Genossen begangen hatte. (S. 90) <\/p>\n<p>Aber Birgit Schmidt kommt trotzdem zu einem anderen Ergebnis als Anna Seghers. Zwar betont Schmidt, dass auch nachdem sie erschreckend viele antisemitische Stereotype in der Literatur kommunitischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller gefunden hat, sie nicht so weit gehen w\u00fcrde, die \u201eKPD und SED als dezidiert antisemitische Parteien zu bezeichnen\u201c, weil \u201edie KPD keine eigenst\u00e4ndige antisemitische Ideologie produziert, sondern (falsch) auf Gegebenheiten reagiert hat, die nicht zu ihren Lasten gehen\u201c. <\/p>\n<p>[&#8230;A]ber das Licht auf dem Galgen, von dem Anna Seghers spricht, &#8211; ich sehe es nicht. (S. 95).&#8217;<\/p>\n<p>Olaf Kistenmacher <\/p>\n<p>Freies Sender Kombinat (FSK), Rehvolte-Fr\u00fchst\u00fcckskombinat, <br \/>Sonntag, 5. Februar 2006, 11-13 Uhr <br \/><a href='http:\/\/www.fsk-hh.org' target='_blank' title='Zum Kombinat' rel=\"noopener\">www.fsk-hh.org<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Olaf Kistenmacher schreibt: &#8216;Bereits in ihrer ersten Untersuchung &#8216;Wenn die Partei das Volk entdeckt. Anna Seghers, Bodo Uhse, Ludwig Renn u. a. Ein kritischer Beitrag zur Volksfrontideologie und ihrer Literatur&#8217; (2002) hatte Birgit Schmidt begonnen, den Sexismus, Rassismus und Antisemitismus in den Romanen kommunistischer Schriftstellerinnen und Schritsteller kritisch aufzuarbeiten. 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