Algerien - Frontstaat im globalen Krieg?

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Beschreibung

Politischer Islamismus und Neoliberalismus
am Fallbeispiel Algerien.

Nur selten wird schlüssig erklärt, was den politische Islamismus genau ausmacht, und vor allem, was seinen (relativen) Erfolg in einer Reihe von Ländern erklärt. Schmid liefert eine aktuelle, aufschlussreiche Untersuchung am Fallbeispiel Algerien.
Aus der Presse
„Die letzten relevanten Veröffentlichungen über Algerien liegen Jahre zurück (…), umso erfreulicher diese Darstellung. (…) Von Genauigkeit und Detailliertheit her ist das Buch eine seriöse wissenschaftliche Arbeit (alles minutiös belegt, dazu Hinweise auf eine eigene Internetseite mit weiterführenden Infos), vom Stil her aber allgemein verständlich und lesbar, spezifische Begriffe werden erläutert. Schließt eine Lücke in allen Bibliotheken, die aktuelles und gutes Material über Algerien anbieten wollen.“ Elisabeth Mair-Gummermann, ekz-Informationsdienst 5/05

"...Der in Frankreich lebende Autor bietet eine Fülle an Zahlen und dicht gedrängten Analysen und schöpft dabei aus einem großen Fundus an Quellen und Informanten. Ein sehr reichhaltiges Buch, das die veralteten Darstellungen über Algerien in deutscher Sprache umfassend aktualisiert." Anke Schwarzer in: Südwind Magazin 07 / 2005

"Profunde Informationen über soziale Bewegungen, Parteien, Erdöl-, Industrie-, Agrar- und Sozialpolitik vermittelt Bernhard Schmids Buch Algerien. Frontstaat im globalen Krieg. Während der normale Diskurs westlicher Medien und auch der Menschenrechtsorganisationen in den neunziger Jahren die Verantwortung für die Lage im Land immer nur bei den einheimischen "Eliten" suchten, ermittelte Schmid, wie "das Besondere des algerischen Falles" zusammenhängt "mit dem Weltmarkt, mit der Kolonialgeschichte, mit dem internationalen Kapitalismus und mit der Politik der westlichen Großmächte". Den in Deutschland zahlreichen Träumern, die in den Islamisten Anwälte der sozialen Gerechtigkeit gesehen hatten, macht das Buch klar, dass sie - im Gegenteil - diejenigen waren, die die Zerstörung des im Embryonalstadium steckengebliebenen algerischen Sozialismus gefordert und die Liberalisierung vorangetrieben haben." Sabine Kebir: Literatur als Hüter des Tempels. Bücher über das Leben in Algerien unter der Terrorgefahr. Ein Streifzug durch neuere Publikationen. In: Freitag Nr. 49 , v. 7.12.2007


Ein Überblick
Algerien galt der europäischen Linken lange Zeit als ein "Modellfall" in der so genannten Dritten Welt. Das Land konnte sich, überwiegend aus eigener Kraft, von der 132 Jahre währenden Vorherrschaft des französischen Kolonialismus befreien - zu einem hohen Preis: Der Unabhängigkeitskrieg zwischen 1954 und 1962 kostete auf der algerischen Seite rund eine Million Tote und zahlreiche Folteropfer.

Infolge der Unabhängigkeit 1962 schlug das Land zunächst einen staatssozialistischen Entwicklungsweg ein, der vor allem folgende Elemente miteinander vermengte: Entwicklungsdiktatur und Bemühen um eine eigenständige Industrialisierung; Dominanz der Staatsbürokratie und zugleich (im Unterschied zu der UdSSR und anderen realsozialistischen Staaten) Vorherrschaft der Militärs über die Einheits-Partei; eine zunächst geringe, später aber vom Staat als "Gegengift" zum Marxismus geförderte Bedeutung der Religion in der politischen Sphäre.

Ab den frühen 80er Jahren beginnt dieses Entwicklungsmodell auseinander zu brechen. Innere und äußere Faktoren spielen dabei eine Rolle - die Rolle der in die eigene Tasche wirtschaftenden Eliten, der Ölpreisverfall auf dem Weltmarkt der Jahre 1985/86 und der Niedergang des verbündeten sowjetischen Blocks. Auch in der Gesellschaft hat das staatssozialistishe Modell an Legitimität verloren, der Staat gilt als "Auspresser" der Gesellschaft, und viele Algerier glauben in den 80er Jahren an die Illusion einer "Befreiung" durch den Markt.

Mit der Implosion des alten Ein-Parteien-Staats 1988, unter dem Ansturm einer zunächst blutig unterdrückten Jugendrevolte, beginnt eine neue Phase. Der kurze demokratisch-pluralistische Frühling wird beendet durch den raschen Aufstieg des politischen Islamismus zur Massenbewegung, vor dem Hintergrund der Krise aller als "links" oder progressiv konnotierten Befreiungsmodelle (der Begriff des Sozialismus wird mit dem untergehenden
FLN-Staat, jener des Kommunismus mit der verbündeten und ebenfalls niedergehenden UdSSR identifiziert). Scheinbar bleibt nur der "Rückbzug auf die angestammte Identität", die reaktionäre Utopie einer durch Abschneiden aller verderblichen und zersetzenden Einflüsse "gesundeten" Gesellschaft als Alternative zu den abgewirtschafteten Eliten.

Die reaktionäre Utopie kann Anfang der Neunziger tatsächlich Millionen Menschen mobilisieren, jedenfalls an den Wahlurnen. Aus der Nähe betrachtet, ist der Erfolg des politischen Islamismus jedoch nicht so total wie befürchtet: Die Politik der Islamistenpartei FIS in den "1990" eroberten Rathäusern führt zu einer Negativbilanz, die nicht wenige Wähler abstößt.
Der Versuch einer Machtergreifung von der Straße aus, mit einer (von der Form her) aufstandsähnlichen Strategie, endet im Misserfolg. Der parlamentarische Weg an die Macht wird dem FIS schließlich durch einen Teil der alten Eliten sowie die verängstigten Mittelschichten verbaut. Ab da eskaliert jedoch der Konflikt, in Algerien gehen scheinbar die Lichter aus.

Die gesamten Neunziger Jahre hindurch macht Algerien im Ausland vor allem durch Nachrichten von Massakern, Terror und Gegenterror von sich reden. Diese rabenschwarze Vision verdeckt jedoch einige Prozesse in der algerischen Gesellschaft: Unter dem Eindruck konkreter Bekanntschaft mit islamistischen Praktiken, etwa in "befreiten Zonen" - die aber häufig vom Staat freiwillig auf Zeit aufgeben worden waren -, kommt es zum Prozess der Ablösung großer Teile der früheren Anhängerschaft vom radikalen politischen Islamismus. Dessen bewaffnete Fraktionen antworten darauf teilweise durch Kollektivmassaker. Zugleich eskaliert eine Gewalt, die teilweise weniger aus ideologischen Faktoren denn aus der Eigendynamik einer Raub- und Plünderungsökonomie in einem rasant verarmenden Land zu erklären ist. Die Ideologie hängt darüber lediglich ein Mäntelchen der Rechtfertigung.

Gleichzeitig geht der Umbau der ehemals staatssozialistischen zur auf den Weltmarkt "geöffneten", liberalisierten Ökonomie weiter. Die letzten Stationen sind die Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU (2002) und die Eröffnung von Beitrittsverhandlungen mit der WTO. Die sozialen Widerstände bleiben oft schwach, da die Erfahrungen mit dem Islamismus - seinem Umkippen in einen oftmals gegen "die Massen" gerichteten reaktionären Terror, aber auch seiner Niederlage gegenüber dem letztlich doch stärkeren Staat - eine lähmende Wirkung auf die kollektive Mobilisierungsfähigkeit ausüben. Dennoch kommt es zu Anfang dieses Jahrzehnts zu einer Reihe vielfältiger sozialer Proteste, denen es bisher jedoch an Vereinheitlichung und längerfristiger Perspektive fehlt.

aus dem Inhalt

- Von der Unabhängigkeit (1962) bis zur Implosion des Ein-Parteien-Staats (1988): Scheitern des Entwicklungsmodells und seine Gründe, die "linke" und die "rechte" Opposition, Versuche der Instrumentalisierung der Religion durch die Staatsmacht

- Erfolgsgründe des politischen Islamismus als Massenbewegung (1988 - 1992): Koloniales Gedächtnis, Krise der Linken bzw. Diskreditierung von Sozialismus und Kommunismus, weltpolitische Faktoren (Irakkrieg 1991 und Afghanistan-Erfahrung) und internationaler Kontext

- Von der Massenmobilisierung zur Abschreckung der "Massen" (1992 - 1998): Der Islamismus im Bürgerkrieg, die "islamistische Kriegsökonomie" (

Hintergrundinfos