Jaime Saenz – UNRAST VERLAG https://unrast-verlag.de Bücher der Kritik Mon, 25 Mar 2024 08:59:24 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9 https://unrast-verlag.de/wp-content/uploads/2022/10/cropped-unrast_logo-1-32x32.png Jaime Saenz – UNRAST VERLAG https://unrast-verlag.de 32 32 Die Nacht – Die Ferne durchschreiten https://unrast-verlag.de/produkt/die-nacht-die-ferne-durchschreiten/ Tue, 29 Apr 2003 22:00:00 +0000 http://neuershop.unrast-verlag.de/?product=die-nacht-die-ferne-durchschreiten Continue reading "Die Nacht – Die Ferne durchschreiten"

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Die Nacht

Dieses außerordentlich dichte Werk von Jaime Saenz – an dem zweifelsohne all diejenigen Gefallen finden werden, denen unser materiell geprägter Alltag ohne Geheimnisvolles nicht genügt – stellt im Grunde die Erkenntnis dar, dass die Welt den Unbequemen nicht will:

»Was sie will, ist, dass du gehst und verschwindest
– Was sie will, ist, dass du nicht mehr hier bist.«

Der Welt und somit dem Schmerz, der Angst, dem Unbehagen kann man nur entgehen durch das Eintauchen in die Nacht:

»Viele Dinge, sehr seltsame, leuchten im Licht der Nacht
– die Dinge werden wieder zu dem, was sie sind,
– und man selbst wird zu dem, was man ist.«

Die Ferne durchschreiten

Auch in diesem Werk ist Jaime Saenz ein Suchender, einer der im Begriff ist, die Ferne zu durchschreiten, die ihn von dem Gesetz der Welt trennt. Das Hier und Jetzt, die Menschen mit ihrem Gehabe, ihrer Moral, ihren Ticks und Eitelkeiten und ihrem Geschrei, wenn sie glauben, ihre kostbare Existenz sei bedroht, muss man einfach nur ertragen, »wer weiß, warum«. Die Sehnsucht des Dichters gilt jedoch dem Unvergänglichen:

»In der tiefen Dunkelheit der Welt
muß es die Weisheit geben«

»Die Dunkelheit ist das Gesetz der Welt«

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Santiago de Machaca https://unrast-verlag.de/produkt/santiago-de-machaca/ Tue, 29 Oct 2002 23:00:00 +0000 http://neuershop.unrast-verlag.de/?product=santiago-de-machaca Continue reading "Santiago de Machaca"

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Dieser Roman ist das letzte Werk von Jaime Saenz. Santiago de Machaca ist ein Toter, den das Fleckfieber zwar ins Grab gebracht, aber nicht umgebracht hat. Da ein Arzt behauptet hat, er sei tot, hat man ihn auch beerdigt, aber er lebt im Grab weiter. »Das Grab ist überall da, wo man lebt«, sagt er. Santiago erscheint mit dem Abend und »streicht verstohlen« durch die Stadt. Er hat Freunde und Feinde, reist, redet mit den Indios, weiß alles, berät. Er hat sogar eine Freundin, Rosa, die fünfundzwanzig Jahre alt ist und nichts mehr von ihm wissen will, obwohl er ihr dauernd Gold schenkt. »Der Umstand, ein Leben im Tod zu leben, und einen Tod im Leben zu sterben, ist sehr sonderbar«, stellt Santiago fest.

Rezension

Jaime Sáenz: Santiago de Machaca.

Nach “Die Räume” und “Der Señor Balboa” (siehe Besprechung und Sáenz-Porträt in “Lateinamerika Anders” Nr.2/02 Resension ) ist nun der dritte Roman des bolivianischen Autors in deutscher Übersetzung herausgekommen – ein vierter ist bereits in Vorbereitung. Erfreulich und lobenswert, dass sich der kleine linke Verlag aus Münster an so ein ambitioniertes Verlagsprojekt herantraut. Schließlich ist der 1986 verstorbene Schriftsteller nicht nur in Europa völlig unbekannt – mit Ausnahme von Italien, wo ebenfalls mehrere Werke von ihm publiziert wurden –, sondern er ist auch in seiner Heimat wieder dem Vergessen anheimgefallen. Diese Erfahrung musste kürzlich IGLA-Mitarbeiter Robert Lessmann machen, als er in La Paz in mehr als zwanzig Buchhandlungen und Antiquariaten ein Buch von Jaime Sáenz suchte. Erfolglos. Schließlich bekam er es über eine Internet-Versandbuchhandlung aus Kalifornien.
Eine Konstante, die sich durch das ganze Werk von Jaime Sáenz – soweit es dem Rezensenten bisher bekannt ist – hindurchzieht, ist ein ganz eigenartiges, spezifisches Raumgefühl, das der Autor vermittelt. Ein Raum, der weit über die dreidimensionale Räumlichkeit hinausgeht, und den man, mangels eines passenden Ausdrucks, den Sáenz-Raum nennen müsste. Es ist ein schwer beschreibbarer, imaginärer Raum, in dem alles möglich erscheint, die Handlung jederzeit einen unerwarteten Haken schlagen kann, einmal erfüllt von der Tragik und Absurdität des Daseins und dann wieder voller Leere und Banalitäten, die als weise Aussagen verkleidet werden; ein Raum, der in seiner Nicht-Fassbarkeit verunsichert und verwirrt, ein dunkler, kalter Raum.
“Santiago de Machaca” ist der letzte Roman von Jaime Sáenz; er erschien erst 1996, zehn Jahre nach dem Tod des Autors. Die Handlung spinnt das Zentralthema Sáenz’ von Leben, Sterben und Tod weiter. Im “Señor Balboa” hatten die Erben dem verstorbenen Herrn Balboa auf den Grabstein schreiben lassen: “Im Grab lebt das Leben. Es weiß: der Tod ist ein Gemütszustand.” Santiago de Machaca erscheint wie eine Verkörperung dieser Inschrift. Er starb an Fleckfieber, doch nicht ganz, denn nach dem Begräbnis wachte er auf – und lebt seither als Lebender im Grab, das er jedoch nach Lust und Laune verlassen kann. Dann schlendert Herr Santiago durch die Stadt, trifft Bekannte, reist durch das Land – und all das in dem Bewusstsein, dass er in einer undefinierten Zone zwischen Leben und Tod existiert.
Häufig trifft er sich mit dem Ich-Erzähler des Romans – der deutliche autobiographische Züge trägt, vor allem bei den Alkohol-Eskapaden mit Santiago! Die beiden saufen, philosophieren, schmieden Reisepläne. Santiago will seinem Freund seine Goldmine zeigen, von der er immer wieder Fläschchen mit Goldstaub bezieht, woraus er seinen Unterhalt bestreitet. Doch kurz vor der geplanten Abreise verschwindet der Protagonist sang- und klanglos. Niemand weiß, und niemand erfährt, wo er ist. Ende.
Dieser Zwischenraum des Santiago de Machaca zwischen Leben und Tod ist ein typischer Sáenz-Raum. Santiago “weiß sehr wohl, dass er tot ist”, und “ihn erfüllt Entsetzen, weil er glaubt, dass er lebendig ist”. Er lebt das Leben eines normalen Erdenbürgers, doch kehrt er immer wieder ins Grab zurück, lebt dort wie in einem Zweitwohnsitz, spricht mit den Toten. “Ich weiß, dass das Grab überall ist. Alle leben im Grab, aber niemand weiß, wo es ist.” Doch wenn die ganze Welt ein Grab ist, was ist dann der Tod? “Der Tod ist ein Gemütszustand”, heißt es auf der Grabinschrift des Herrn Balboa. Heißt das, dass der Tod nicht das biologische Ende unseres irdischen Daseins ist, sondern nur eine bestimmte mental-emotionale Variante unserer Condition humaine darstellt? Der Tod als Zustand der Leere, wenn die Gefühle erloschen sind?
Doch mit Interpretationen muss man vorsichtig sein bei Jaime Sáenz. Dieser magische Realist vom Altiplano ist auch ein Witzbold, ja manchmal erscheint er sogar als einsamer bolivianischer Vertreter der Nonsense-Literatur. Aber auch wenn seine Aussagen manchmal schwer zu deuten sind: Eine Reise in die Welt des Jaime Sáenz ist allemal sehr zu empfehlen.
Werner Hörtner, Lateinamerika anders

Leonardo García Pabón über Jaime Saenz

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Der Señor Balboa https://unrast-verlag.de/produkt/der-senor-balboa/ Sun, 30 Oct 2022 22:30:41 +0000 http://neuershop.unrast-verlag.de/?product=der-senor-balboa Continue reading "Der Señor Balboa"

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Señor Balboa, ein frommer, gutmütiger und sehr reicher Mann, steht unter dem Pantoffel seiner Frau Julietta, die sich »auftakelt«, Liebhaber hält und wöchentlich große Feste auf Kosten ihres Mannes feiert. Doch auch der Señor hat eine langjährige Geliebte, Vidalita, die er für die ideale Frau hält. Natürlich versucht Señor Balboa sich von seiner tyrannischen Frau zu trennen, es fehlt ihm jedoch an Durchsetzungsvermögen, und so bleibt ihm nichts, als finstere Rachepläne zu schmieden, die er nie in die Tat umsetzt. Als Vidalita stirbt, zieht Senor Balboa in deren Haus, läßt Fenster und Balkone zumauern, den Strom abstellen und verabschiedet sich von der Welt. Seine Freunde lassen für ihn und seine Geliebte ein Mausoleum errichten und in den Grabstein einmeißeln: »In der Ewigkeit ist nichts von Dauer.«

Rezension

Es ist, als ob der Autor sich sprachpsychologisch auf das Gebiet des Hintersinns begibt. Seine komisch-tragischen Figuren sprechen ohne Umschweife aus, was man gemeinhin als Hintergedanken bezeichnet. Was in Gesellschaft also nie ausgesprochen, sondern bestenfalls indirekt mitgeteilt wird. Die Dialoge erinnern oft an jene Art Selbstgespräch, das jeder kennt: das Ringen mit dem eigenen Gewissen, knapp an der Schwelle zum Selbstbetrug. Und Saenz zeigt dabei mit leichter Feder, wie wenig das Bild, das Balboa von sich selbst hat, mit jenem Bild zusammen geht, das andere von ihm haben müssen. Und deckt auf, mit welchen gedanklichen und rhetorischen Strategien der Senor Balboa versucht, den Riss, der sein Selbstbild zu durchziehen beginnt, zu kitten. Dabei ist Balboa zugute zu halten, dass er nicht den leichten Weg wählt.
Angela Delissen – Lorettas Leselampe

Jaime Saenz
Der Herr der Nacht

Der bolivianische Schriftsteller (1921 – 1986) ist außerhalb Lateinamerikas kaum bekannt; der deutsche Unrast Verlag begann vergangenes Jahr mit der Edition seines Werkes.

“Die im Halbdunkel liegenden Räume sind groß, kalt und bedrückend leer …”
“Neben der Tür ist eine Art Gang, dunkel wie ein Grab, der eigentlich ein abscheulicher Windfang ist und den die Señora und ihre Tochter benutzen, um Fleisch und Knochen aufzuhängen.”
“Denn ich weiß bereits, dass die Dunkelheit ewig ist und das Leben ein Funke. Aber dieser Funke bedeutet mehr als alle Dunkelheit.”

Diese Textstellen aus den beiden bisher auf Deutsch erschienenen Büchern von Jaime Saenz “beleuchten” ein wenig die Welt des schrulligen Bolivianers, der viele Jahre seines Lebens nur in der Nacht lebte. Er wohnte in La Paz, in einer Stipendiatenwohnung, die ihm der Staat auf Lebenszeit vermacht hatte, und verschlief den Großteil des Tages in dieser Wohnung. Erst nachts wurde Saenz aktiv, und diese Aktivität war das Schreiben. Er lebte nur für das Schreiben.
Dieser Lebensrhythmus prägte ganz offensichtlich auch die literarische Welt des Jaime Saenz, in der Nacht, Kälte, Ferne, dunkle Räume, der Tod zentrale Themen sind. Es ist eine ganz eigenartige Welt, in die uns der Bolivianer einführt, eine Welt fernab des bilder- und ideensprühenden magischen Realismus, die man sonst mit lateinamerikanischen AutorInnen verbindet. Eine eher langweilige Welt, in der nicht viel passiert, der äußere Handlungsablauf oft spröde und von Nichtigkeiten geprägt ist – und dennoch beginnt diese Welt eine gewisse Faszination auszuüben. Trotz der sparsamen und in einfacher, unprätentiöser Sprache erzählten Handlung gelingt es Saenz immer wieder, die Leserin, den Leser in einen schwer beschreibbaren imaginären Raum einzufangen, in dem alles möglich scheint. In jeder Zeile kann eine Überraschung lauern, kann die Geschichte eine andere Richtung nehmen. Unversehens führt uns der Autor in tiefschürfende philosophische Betrachtungen, die – wohl als Ausdruck seiner ironisch-kritischen Distanz zu allem Existierenden – immer wieder mit Banalitäten gespickt sind. Oder er überrascht mit genauer realistischer Beobachtung von Menschen – und lässt den Protagonisten in der nächsten Minute voll in die Absurdität des Lebens rennen. Wie das Absurde des Daseins überhaupt ein prägendes Element des Nachtmenschen Saenz ist. Und die zentralen Punkte unserer Existenz nichts weiter sind als eine Schimäre, die der kalte Hauch des Schicksals jederzeit wegblasen kann. “Hier bin ich nun, in diesen vier Wänden, und sinne über mein Schicksal nach, besser gesagt über das Grab”, sinniert Herr Balboa im gleichnamigen Roman, nachdem er alle vier Balkone und zehn Fenster seines Hauses hatte zumauern lassen und nur mehr in der Dunkelheit lebte.
In deutscher Übersetzung – von Helga Castellanos und Christa Fabry de Orías – erschienen bisher “Die Räume” und “Der Señor Balboa”; weitere Publikationen von ihm sind in Vorbereitung. Jaime Saenz, der in Bolivien etwa 20 Bücher veröffentlichte – Prosa und Gedichtbände – blieb im außeramerikanischen Ausland bisher weitgehend unentdeckt. In Italien befasst sich seit zwei Jahren der Verlag Crocetti mit der Herausgabe seines Werkes; an der Harvard Universität bemüht sich der Literaturprofessor Forrest Gander, für den Saenz einer der großen Dichter der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts ist, den bolivianischen Autor bekannt zu machen.
“Die Räume” ist eine Satire auf die bolivianische Unterschicht und ihren Hang zum Mystizismus, doch ist Satire bei Saenz immer liebevolle Ironie, humorvoller Ausdruck der Liebe zum Menschen und dem Allzumenschlichen. Im scheinbar Geringen steckt das Wichtige, während sich das scheinbar Wichtige oft nur als naive Illusion erweist.
Auch im “Señor Balboa” steht die ironische Betrachtung existentieller Lebensbereiche im Mittelpunkt. Hier sind es die Institution Ehe und das Geschlechterverhältnis, das der Autor bis an die Grenze zur Boshaftigkeit seziert. Diese satirische Analyse ist immer wieder durchsetzt mit Dialogen, die um den Tod, das Grab, die immerwährende Nacht kreisen. Die Erben ließen dem Herrn Balboa folgenden Spruch auf den Grabstein schreiben: “Im Grab lebt das Leben. Es weiß, der Tod ist ein Gemütszustand.”

Jaime Saenz: Die Räume (Los cuartos).

: Der Señor Balboa
– (El Señor Balboa). Übersetzt von Helga Castellanos und Christa Fabry de Orías. Unrast Verlag, Münster 2001, 128 Seiten, 14 Euro.

Werner Hörtner, Lateinamerika anders

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Die Räume https://unrast-verlag.de/produkt/die-raeume/ Mon, 30 Jul 2001 22:00:00 +0000 http://neuershop.unrast-verlag.de/?product=die-raeume Continue reading "Die Räume"

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Zwei alte Frauen, die nur ›Senora‹ und ›Tante‹ genannt werden, leben in ärmlichen Verhältnissen, umgeben von einem Panoptikum skuriler Figuren, wie z.B. Socrates Mazuelos, der sich selbst als Hexer bezeichnet und auf der Suche nach einer Schrift ist, die den genauen Zeitpunkt des Weltuntergangs enthält.

Als die Senora stirbt, vermietet die Tante einen Teil der Räume an die Brüder Chumacero, zwei bekannte Schreiber, die jedoch des Schreibens nicht mächtig sind. Zu diesem Zweck haben sie Soledad Vaca als Sekretärin angestellt. Diese gewinnt das Herz der Tante und soll auf deren Wunsch ebenfalls in die Wohnung ziehen. Doch Soledad Vaca stirbt beim Umzug durch einen Autounfall. Die Tante, erbost über so viel Ungerechtigkeit, wirft die Brüder Chumacero aus ihrer Wohnung. Ihr Alleinsein ist jedoch nicht von Dauer. Der Matratzenmacher Paucura möchte künftig von der Hellseherei leben, und die Tante soll für ihn die Werbetrommel rühren. Nachdem Paucura zwei metaphysischen Fragen zur Zufriedenheit der Tante beantworten kann, willigt sie ein. Das Geschäft mit der Hellseherei floriert. Zu diesem Duo stößt der Dichter Jaime Arlo, der, inspiriert durch die Tante, ein Gedicht über den Geruch des Alters schreibt, und ansonsten metaphysische Gespräche mit Paucuro führt. Bei einem dieser Gespräche vertraut Paucuro ihm an, daß er den Todestag der Tante vorhergesehen hätte. Doch nicht die Tante stirbt, sondern er selbst erhängt sich an diesem Tag. Übrig bleibt einmal mehr die Tante, die verbittert bemerkt: »Alle sterben, nur ich nicht.«

Saenz ist ein Meister des Verbergens. Hinter seinem Humor verbirgt sich eine bissige Ironie, hinter der Ironie die Liebe zum Menschen. Im scheinbar geringen steckt das Wichtige, während das scheinbar Wichtige sich als naive Illusion erweist. Die Suche nach Sinn und Gewißheit, die alle Figuren umtreibt, wird der Lächerlichkeit preisgegeben. Und so wird das zum Wichtigen, was keine der Figuren sonderlich wichtig nimmt: das Leben an sich, oder in Saenz Denkweise: das Anfüllen der Räume mit Leben.

Rezension

Jaime Saenz
Der Herr der Nacht

Der bolivianische Schriftsteller (1921 – 1986) ist außerhalb Lateinamerikas kaum bekannt; der deutsche Unrast Verlag begann vergangenes Jahr mit der Edition seines Werkes.

“Die im Halbdunkel liegenden Räume sind groß, kalt und bedrückend leer …”
“Neben der Tür ist eine Art Gang, dunkel wie ein Grab, der eigentlich ein abscheulicher Windfang ist und den die Señora und ihre Tochter benutzen, um Fleisch und Knochen aufzuhängen.”
“Denn ich weiß bereits, dass die Dunkelheit ewig ist und das Leben ein Funke. Aber dieser Funke bedeutet mehr als alle Dunkelheit.”

Diese Textstellen aus den beiden bisher auf Deutsch erschienenen Büchern von Jaime Saenz “beleuchten” ein wenig die Welt des schrulligen Bolivianers, der viele Jahre seines Lebens nur in der Nacht lebte. Er wohnte in La Paz, in einer Stipendiatenwohnung, die ihm der Staat auf Lebenszeit vermacht hatte, und verschlief den Großteil des Tages in dieser Wohnung. Erst nachts wurde Saenz aktiv, und diese Aktivität war das Schreiben. Er lebte nur für das Schreiben.
Dieser Lebensrhythmus prägte ganz offensichtlich auch die literarische Welt des Jaime Saenz, in der Nacht, Kälte, Ferne, dunkle Räume, der Tod zentrale Themen sind. Es ist eine ganz eigenartige Welt, in die uns der Bolivianer einführt, eine Welt fernab des bilder- und ideensprühenden magischen Realismus, die man sonst mit lateinamerikanischen AutorInnen verbindet. Eine eher langweilige Welt, in der nicht viel passiert, der äußere Handlungsablauf oft spröde und von Nichtigkeiten geprägt ist – und dennoch beginnt diese Welt eine gewisse Faszination auszuüben. Trotz der sparsamen und in einfacher, unprätentiöser Sprache erzählten Handlung gelingt es Saenz immer wieder, die Leserin, den Leser in einen schwer beschreibbaren imaginären Raum einzufangen, in dem alles möglich scheint. In jeder Zeile kann eine Überraschung lauern, kann die Geschichte eine andere Richtung nehmen. Unversehens führt uns der Autor in tiefschürfende philosophische Betrachtungen, die – wohl als Ausdruck seiner ironisch-kritischen Distanz zu allem Existierenden – immer wieder mit Banalitäten gespickt sind. Oder er überrascht mit genauer realistischer Beobachtung von Menschen – und lässt den Protagonisten in der nächsten Minute voll in die Absurdität des Lebens rennen. Wie das Absurde des Daseins überhaupt ein prägendes Element des Nachtmenschen Saenz ist. Und die zentralen Punkte unserer Existenz nichts weiter sind als eine Schimäre, die der kalte Hauch des Schicksals jederzeit wegblasen kann. “Hier bin ich nun, in diesen vier Wänden, und sinne über mein Schicksal nach, besser gesagt über das Grab”, sinniert Herr Balboa im gleichnamigen Roman, nachdem er alle vier Balkone und zehn Fenster seines Hauses hatte zumauern lassen und nur mehr in der Dunkelheit lebte.
In deutscher Übersetzung – von Helga Castellanos und Christa Fabry de Orías – erschienen bisher “Die Räume” und “Der Señor Balboa”; weitere Publikationen von ihm sind in Vorbereitung. Jaime Saenz, der in Bolivien etwa 20 Bücher veröffentlichte – Prosa und Gedichtbände – blieb im außeramerikanischen Ausland bisher weitgehend unentdeckt. In Italien befasst sich seit zwei Jahren der Verlag Crocetti mit der Herausgabe seines Werkes; an der Harvard Universität bemüht sich der Literaturprofessor Forrest Gander, für den Saenz einer der großen Dichter der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts ist, den bolivianischen Autor bekannt zu machen.
“Die Räume” ist eine Satire auf die bolivianische Unterschicht und ihren Hang zum Mystizismus, doch ist Satire bei Saenz immer liebevolle Ironie, humorvoller Ausdruck der Liebe zum Menschen und dem Allzumenschlichen. Im scheinbar Geringen steckt das Wichtige, während sich das scheinbar Wichtige oft nur als naive Illusion erweist.
Auch im “Señor Balboa” steht die ironische Betrachtung existentieller Lebensbereiche im Mittelpunkt. Hier sind es die Institution Ehe und das Geschlechterverhältnis, das der Autor bis an die Grenze zur Boshaftigkeit seziert. Diese satirische Analyse ist immer wieder durchsetzt mit Dialogen, die um den Tod, das Grab, die immerwährende Nacht kreisen. Die Erben ließen dem Herrn Balboa folgenden Spruch auf den Grabstein schreiben: “Im Grab lebt das Leben. Es weiß, der Tod ist ein Gemütszustand.”

Jaime Saenz: Die Räume (Los cuartos).

: Der Señor Balboa
– (El Señor Balboa).

Werner Hörtner, Lateinamerika anders

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